Sind Grausamkeiten notwendig?

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Niccolò Machiavelli: Der Fürst

Mit dem Buchdruck erschien eine Flut an ungebetener Literatur, aufgrund derer sich die katholische Kirche gezwungen sah, mit dem Index Librorum Prohibitorum ein Verzeichnis verbotener Bücher zu erstellen. Auf dieser erstmals im Jahr 1559 erstellten Liste fanden sich insgesamt 550 Autoren wieder, darunter auch ein Zeitgenosse Luthers, der sich für religiöse Fragen überhaupt nicht interessierte. Niccolò Machiavelli war vielmehr daran gelegen, Herrschern Verhaltensregeln an die Hand zu geben, die dem Machterwerb und -erhalt dienen sollten. Für einen Vorrang des Glaubens blieb dabei kein Platz, statt dessen reduzierte sich Religiösität auf ein brauchbares Instrument, um sich die Gunst des Volkes zu sichern: Weiterlesen

Sind Könige oder Päpste näher zu Gott?

Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten

Thomas von Aquin: Über die Herrschaft der Fürsten

Beginnend mit Bologna im Jahr 1088 entstanden die ersten Universitäten. Die Lehre dort stützte sich vor allem auf biblische und aristotelische Texte, sodass die Gelehrten fortan europaweit auf einer gemeinsamen Grundlage und Denkweise aufbauten. Auch in den Schriften des Thomas von Aquin (lateinisch: Thomas Aquinas), der in Neapel, Paris und Köln studiert hatte, ist der Einfluss von Aristoteles unverkennbar: Weiterlesen

Sind wir alle verdammt?

Augustinus: Zweinundzwanzig Bücher über den Gottesstaat
Augustinus: Zweinundzwanzig Bücher über den Gottesstaat

Ein Zeiteuge des römischen Niedergangs war der am 13. November 354 geborene Augustinus, Sohn eines kleinen Landwirts in Nordafrika. Er wuchs damit im wichtigsten Getreideanbaugebiet Roms zu einer Zeit auf, in der Constantinus längst die christliche Wende des Reiches eingeleitet hatte. Von der Mutter christlich erzogen, hing Augustinus in seinen Ausbildungsjahren zum Rhetorik-Lehrer zwischenzeitlich anderen Glaubensrichtungen an, bis dann im Alter von 31 Jahren die völlige Hinwendung zur Religion seiner Kindheit während eines Aufenthalts in Mailand bei genau jenem Bischof Ambrosius erfolgte, der zwei Jahre später niemand geringeren als Kaiser Theodosius aus der Kirche ausschließen sollte. Das konnte Augustinus zwar nicht ahnen, aber immerhin war das Christentum zum Zeitpunkt der Bekehrung bereits Staatsreligion. Christ zu sein, war folglich kein Wagnis mehr, sondern vom Kaiser per Gesetz vorgegeben. Augustinus ging nach seiner nicht nur gesetzlich bestimmten, sondern nun auch persönlich empfundenen Übernahme des christlichen Glaubens zurück nach Afrika und gründete dort in jenem Jahr 391 ein Kloster, in dem Theodosius das Verbot aller heidnischen Kulte aussprach und damit jenem Gott tatkräftig zur Durchsetzung verhalf, den er selbst eigentlich nicht als hilfsbedürftig, da allmächtig ansah.

Weiterlesen

Schließen Demokratie und Republik einander aus?

Cicero: Vom Staat

Cicero: Vom Staat

Im Jahr 62 vor Christus kehrte der mächtigste Mann jener Zeit, Gnaeus Pompeius Magnus, von einem Feldzug zurück. Unter dem zwischenzeitlichen Diktator Lucius Cornelius Sulla Felix als Feldherr früh zu Ansehen gelangt, hatte Pompeius mit den Piraten im Mittelmeer aufgeräumt, deren Unwesen immer lästiger geworden war. Außerdem hatte er in Kleinasien eine empfindliche Niederlage der Römer verhindert und für Ordnung gesorgt. Pompeius war militärisch grandios erfolgreich, dem Senat sogar ein wenig zu erfolgreich. Zurück in Rom verlangte der siegreiche Feldherr die Verteilung von Land an seine Soldaten, um sie in durchaus üblicher Weise für ihre Verdienste zu belohnen. Einflussreiche Senatoren wollten ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung machen, um zu zeigen, wer Herr im Haus ist.

Weiterlesen

Wieviel Alexander steckte in Aristoteles?

Aristoteles: Philosophische Schriften

Aristoteles: Philosophische Schriften

Platon war bereits 60 Jahre alt und sollte bald darauf zum zweiten Mal nach Sizilien reisen, als ein 17-Jähriger aus Makedonien, einem bis dahin völlig unbedeutenden Landstrich ganz im Norden Griechenlands, um Aufnahme in seine Akademie bat. Der Junge stammte aus gutem Hause, hatte doch der verstorbene Vater des Jungen als Leibarzt dem dortigen König gedient. Wie sich zeigen sollte, war die Aufnahme völlig berechtigt, denn der Neuling lernte schnell und war bald schon ein respektiertes Mitglied, das schließlich selbst eine Lehrtätigkeit in der Akademie ausübte. So gingen beinahe zwanzig Jahre eines wohlgeordneten Gelehrtenlebens dahin. Doch dabei sollte es nicht bleiben.

Weiterlesen

Fördert Liberalismus Migration?

Ivan Krastev: „Europadämmerung“ – gegengelesen 2

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev sieht die EU als ein spekulatives Projekt, weil ihr Gelingen von einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung abhängig sei:

„Die Europäische Union ist eine hochriskante Wette darauf, dass die Menschheit sich in Richtung einer demokratischeren und toleranteren Gesellschaft fortentwickeln wird.“ (S. 26)

Man kann eine solche Aussage als Feststellung lesen, aber man kann sich auch kaum des Eindrucks erwehren, dass hier Kritik mitschwingt. Jedenfalls erscheint es wenig ratsam einen Staatenbund auf einer Grundlage zu errichten, die man als unsicher oder gar „hochriskant“ ansieht. Entsprechend könnte man Krastev hier einmal mehr so verstehen, dass er Naivität am Werke sieht. Weiterlesen

Déjà vu

Ivan Krastev: „Europadämmerung“ – gegengelesen 1

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev sieht eine Europadämmerung heraufziehen und trifft damit offenbar einen Nerv der Zeit (siehe Süddeutsche, taz, Zeit, Deutschlandfunk, Spiegel). Galt das Projekt Europa lange als Erfolgsgeschichte mit nachhaltigem Integrationseffekt, so wirken sowohl der Erfolg als auch die Integration mittlerweile als gefährdet. Die so ordnungsliebende EU wirkt ungewohnt unaufgeräumt. Ereignisse und Strömungen unterlaufen für selbstverständlich gehaltene Spielregeln: Weder Flüchtlinge noch osteuropäische Regierungen wollen sich an Vorgaben halten und die Briten nehmen nach 45 Jahren Mitgliedschaft Abschied. Es entsteht der Eindruck, dass nach Jahren rascher Erweiterung sich de EU auf einen Wendepunkt zubewegt. Hat sie ihre Möglichkeiten überdehnt? Weiterlesen

Wozu Brexit?

Brexit: Umfrage-Ergebnisse für Großbritannien (Quelle: Wikipedia/YouGov)

Vielen galt und gilt der Brexit als Versagen direkter Demokratie. Weil die Mehrheit der Briten sich für den Austritt aus der EU aussprach, wurden wieder einmal Stimmen laut, dass das Volk ebenso töricht wie unberechenbar sei und zu Fehlentscheidungen neige. Einige Politiker und Journalisten, die sich selbst Demokraten nennen, halten normale Menschen für uninformiert, unverantwortlich oder unfähig. Wenn der Brexit abgelehnt worden wäre, hätte man sich mit dem Volk zufrieden gezeigt, so aber zeigt man ihm unverhohlen seine Abneigung. Ganz offensichtlich hegt so mancher ein Demokratieverständnis, dass darauf hinausläuft, das Volk nur so lange als Souverän anzuerkennen, wie es gemäß den eigenen Vorstellungen abstimmt. Sobald es davon abweicht, wird die Tauglichkeit des Volks grundsätzlich angezweifelt. Weiterlesen

Wozu Glyphosat?

Glyphosat: Umfrageergebnisse (Quelle: YouGov)

Glyphosat: Umfrageergebnisse (Quelle: YouGov)

Die Diskussion um die Zulassung von Glyphosat in der EU wirft Zweifel an der repräsentativen Demokratie auf. Über eine Frage, die uns alle angeht, entscheiden Vetreter der EU-Staaten in Brüssel. So weit, so normal. Doch diese Vertreter hatten erhebliche Schwierigkeiten zu einer Entscheidung zu kommen, während sich zugleich, wenn man den Stimmungsbildern glauben schenken darf, eine Mehrheit der europäischen Bevölkerung für ein Verbot ausspricht. Aus demokratischer Sicht stellt sich die Frage: Wie kann es sein, dass in Angelegenheiten gezaudert und gegen den Mehrheitswillen entschieden wird, wo die Bürger eine klare Haltung einnehmen? Schlimmer noch: Man kann sich des Eindrucks kaum erwehren, wonach diejenigen, die vertreten werden sollen, nicht der Auffassung sind, die Entscheidung läge in den richtigen Händen. Was zu der Frage führt: Wie kann es sein, dass wir in einer repräsentativen Demokratie leben, die Bürger sich aber nicht repräsentiert fühlen? Weiterlesen

Das Verlangen nach Macht

Thomas Hobbes: „Leviathan“ – gegengelesen 2

Thomas Hobbes: Leviathan

Thomas Hobbes: Leviathan

Einen, wenn nicht den entscheidenden Ausgangspunkt seiner Überlegungen führt Thomas Hobbes in einem Kapitel über Sitten ein – mit dem Titel: „Von der Verschiedenheit der Sitten“ (Kap. 11). Das ist insofern befremdlich, als es weder um Anstandsregeln noch um Gebräuche geht; noch nicht mal die kulturelle Vielfalt, wie sie im Titel des Kapitels durchklingt, spielt eine tragende Rolle. Vielmehr führt Hobbes ohne große Umschweife eine Eigenschaft ein, die seiner Ansicht nach allen Menschen gemeinsam ist. Ein längeres Zitat vom Beginn des Kapitels illustriert den raschen thematischen Übergang von den Sitten zum menschlichen Verlangen und zugleich dessen Herleitung: Weiterlesen