Keine Vernunft ohne Freiheit?

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Immanuel Kant: Grundlegung zur Metaphysik der Sitten

Vier Jahre vor der Französischen Revolution, neun nach der US-amerikanischen Unabhängigkeitserklärung und zwei nach Ende des darauf folgenden Krieges erschien in Preußen 1785 mit der Grundlegung zur Metaphysik der Sitten von Immanuel Kant eine Moralphilosophie mit dem Anspruch, dass sie nicht nur für Menschen, sondern für alle vernünftigen Wesen gelten müsse und sich allein aus deren Vernunft ableiten lasse. Kann man also die Frage danach, was gut und was böse ist, was man tun und was man lassen soll, beantworten, ohne auf eine göttliche Offenbarung diesbezüglich oder eine andere äußere Quelle von Verhaltensvorschriften zurückzugreifen? Kant geht davon aus, dass das möglich ist, wobei individueller Freiheit eine zentrale Rolle zukommt: Weiterlesen

Was vernünftig ist, das ist wirklich

G. W. F. Hegel: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ – gegengelesen 1

Georg Hegel: Grundlinien des Rechts

Georg Hegel: Grundlinien des Rechts

1687 veröffentlicht Isaac Newton die Principia Mathematica und führt damit der Welt vor Augen, dass die Abläufe in der Natur strengen Gesetzen folgen. Nicht mythische Kräfte oder höhere Mächte bestimmen den Lauf der Dinge, sondern diese halten sich brav an für den Menschen nachvollziehbare Gesetzmäßigkeiten. Die Welt ist offenbar vernünftig eingerichtet.

Über 130 Jahre später, 1820 um genau zu sein, wundert sich ein Berliner Philosophieprofessor, warum wir uns die Natur als wohlgeordnet vorstellen, das Zusammenleben der Menschen hingegen als unordentlich. Müsste nicht mehr noch als die Welt, deren Gegenstände jeder Vernunft entbehren, eben jene Welt vernünftig eingerichtet sein, deren Mitglieder wir als vernunftbegabte Wesen ansehen? Weiterlesen

Fördert Liberalismus Migration?

Ivan Krastev: „Europadämmerung“ – gegengelesen 2

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev sieht die EU als ein spekulatives Projekt, weil ihr Gelingen von einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung abhängig sei:

„Die Europäische Union ist eine hochriskante Wette darauf, dass die Menschheit sich in Richtung einer demokratischeren und toleranteren Gesellschaft fortentwickeln wird.“ (S. 26)

Man kann eine solche Aussage als Feststellung lesen, aber man kann sich auch kaum des Eindrucks erwehren, dass hier Kritik mitschwingt. Jedenfalls erscheint es wenig ratsam einen Staatenbund auf einer Grundlage zu errichten, die man als unsicher oder gar „hochriskant“ ansieht. Entsprechend könnte man Krastev hier einmal mehr so verstehen, dass er Naivität am Werke sieht. Weiterlesen

Der Naturzustand

John Locke: „Über die Regierung“ – gegengelesen 3

John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung

John Locke: Zwei Abhandlungen über die Regierung

John Locke unterscheidet politische Macht von derjenigen des Vaters über seine Kinder oder von derjenigen eines Herrn über seine Diener und Sklaven. Diese verschiedenen Formen der Macht gleichzusetzen, wirft er dem seinerzeit einflussreichen Robert Filmer vor. Anders als dieser leitet Locke politische Macht nicht aus väterlicher ab, sondern sieht in ihr eine andere Ausgangslage, weil sich hier auch Menschen gleichen Alters und gleichen Rangs gegenüberstehen. Politik muss die Beziehungen aller Menschen zueinander regeln, nicht nur jene, die sich ohnehin schon durch Ungleichheit auszeichnen. Locke sieht deshalb darin in erster Linie ein Rechtsverhältnis:

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