Was vernünftig ist, das ist wirklich

G. W. F. Hegel: „Grundlinien der Philosophie des Rechts“ – gegengelesen 1

G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts

G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts

1687 veröffentlicht Isaac Newton die Principia Mathematica und führt damit der Welt vor Augen, dass die Abläufe in der Natur strengen Gesetzen folgen. Nicht mythische Kräfte oder höhere Mächte bestimmen den Lauf der Dinge, sondern diese halten sich brav an für den Menschen nachvollziehbare Gesetzmäßigkeiten. Die Welt ist offenbar vernünftig eingerichtet.

Über 140 Jahre später, 1820 um genau zu sein, wundert sich ein Berliner Philosophieprofessor, warum wir uns die Natur als wohlgeordnet vorstellen, das Zusammenleben der Menschen hingegen als unordentlich. Müsste nicht mehr noch als die Welt, deren Gegenstände jeder Vernunft entbehren, eben jene Welt vernünftig eingerichtet sein, deren Mitglieder wir als vernunftbegabte Wesen ansehen?

„Von der Natur gibt man zu, daß die Philosophie sie zu erkennen habe, wie sie ist, daß der Stein der Weisen irgendwo, aber in der Natur selbst verborgen liege, daß sie in sich vernünftig sei und das Wissen diese in ihr gegenwärtige, wirkliche Vernunft, nicht die auf der Oberfläche sich zeigenden Gestaltungen und Zufälligkeiten, sondern ihre ewige Harmonie, aber als ihr immanentes Gesetz und Wesen zu erforschen und begreifend zu fassen habe. Die sittliche Welt dagegen, der Staat, sie, die Vernunft, wie sie sich im Elemente des Selbstbewußtseins verwirklicht, soll nicht des Glücks genießen, daß es die Vernunft ist, welche in der Tat in diesem Elemente sich zur Kraft und Gewalt gebracht habe, darin behaupte und inwohne. Das geistige Universum soll vielmehr dem Zufall und der Willkür preisgegeben, es soll gottverlassen sein, so daß nach diesem Atheismus der sittlichen Welt das Wahre sich außer ihr befinde und zugleich, weil doch auch Vernunft darin sein soll, das Wahre nur ein Problema sei.“ (S. 15f)

Georg Wilhelm Friedrich Hegel bringt das Dilemma der Moderne auf den Punkt: Während wir die Natur nicht nur immer mehr jeglichen Zaubers berauben, ja, sich geradezu der Eindruck aufdrängt, sie ließe sich ganz und gar entzaubern und alles was geschieht sich erklären, wenn man nur lange genug danach forscht, gibt uns die Gesellschaft, das Zusammenwirken der von ihrer Vernunft überzeugten Menschen, die Welt der rationalen Wesen Rätsel auf. Wir können zwar eine Sonnenfinsternis Jahrhunderte vorausberechnen, sind uns aber unsicher, ob wir nicht vielleicht doch in wenigen Jahrzehnten unsere eigene Existenzgrundlage vernichtet haben. Wir halten die Natur für vernünftig eingerichtet, weil wir ihre Gesetzmäßigkeiten mit unserer eigenen Vernunft zu fassen vermögen, zugleich zweifeln wir an der Vernünftigkeit des gemeinsamen Produkts unserer eigenen Vernunft: an der Gesellschaft.

Man könnte das zum Anlass nehmen, sich Sorgen zu machen, oder aber man kann mit Hegel eine völlig andere Schlussfolgerung daraus ziehen: Wenn die Natur vernünftig eingerichtet ist und wir Teil dieser Natur sind, dann muss auch die Gesellschaft vernünftig eingerichtet sein. Wenn sich in den abgelegensten Gebieten der Naturwissenschaft vernünftige Prinzipien entdecken lassen, dann muss sich dieser Gewissheit auch unser allgegenwärtiges Zusammensein fügen:

„Was vernünftig ist, das ist wirklich;
und was wirklich ist, das ist vernünftig.“ (S. 24)

Nun haben die letzten 200 Jahre, seit Hegel dies niedergeschrieben hat, nicht die letzten Zweifel ausräumen können, dass die Menschen in ihrem Zusammenwirken tatsächlich einer höheren Vernunft folgen. Tatsächlich sucht manch überaus vernünftiger Mensch Zuflucht in der Erforschung der Natur, um sich den Absurditäten des Gesellschaftslebens so weit wie irgend möglich zu entziehen, weil er dort einfach keine Vernunft am Werke zu entdecken vermag.

Versöhnung durch Hinnahme?

Demgegenüber lässt sich an Hegel lernen, wie sehr die Welt sich verändert, wenn man seinen Blick darauf ändert. Wenn man davon ausgeht, dass die Natur, ja die ganze Welt von Vernunft durchdrungen ist, dann muss das für alles gelten, was wirklich ist. Wann immer uns etwas unvernünftig vorkommen mag, kann dies folglich nicht an der Welt liegen, sondern nur daran, dass wir die innewohnende höhere Vernunft nur noch nicht erkannt haben, so wie die Menschheit lange den Aufbau des Sonnensystems nicht richtig erkannt hatte. Die Welt folgt einem vernünftigen Geist und umso mehr wir dessen gewahr werden, desto mehr haben wir daran Anteil.

Das hat natürlich ganz nebenbei zur Folge, dass alles so hinzunehmen ist, wie es vorliegt, wenn man nunmal davon ausgeht, dass die Wirklichkeit vernünftig eingerichtet ist. Was immer auch geschieht, es ist richtig so, denn es folgt lediglich einer höheren Vernunft, auch wenn sie sich uns vielleicht noch nicht erschließt.

Das aber bedeutet wiederum, dass all diejenigen, die dennoch an der Welt, wie sie ist, etwas auszusetzen haben und deshalb sich vornehmen, etwas daran zu ändern, einerseits es an solcherlei Einsicht ermangelt, andererseits aber ein Teil eben jener vernunftbestimmten Entwicklung sind, die sich ihrer bedient, um ihrer höheren Vernunft zur Durchsetzung zu verhelfen. Kriege, Katastrophen, tagtägliche Grausamkeiten, sie alle können aus einer solchen Sicht nichts anderes sein, als Ausdrücke eines im Grunde vernünftigen Gesamtgeschehens. Alles ist dann gut und richtig, weil vernünftig. Wer das nicht einsehen will, stellt sich gegen die Natur. Hegel geht es darum, dies zu erkennen:

„diese vernünftige Einsicht ist die Versöhnung mit der Wirklichkeit, welche die Philosophie denen gewährt, an die einmal die innere Anforderung ergangen ist, zu begreifen und in dem, was substantiell ist, ebenso die subjektive Freiheit zu erhalten sowie mit der subjektiven Freiheit nicht in einem Besonderen und Zufälligen, sondern in dem, was an und für sich ist, zu stehen.“ (S. 27)

Wer das Gegebene als vernünftig hinnimmt, dem verheißt Hegel „die Versöhnung mit der Wirklichkeit“ und wer wollte daran zweifeln? Was ist der Versöhnung förderlicher als etwas stumpf hinzunehmen?

Wenn man so weit geht, dann kann man sich auch „in dem, was substantiell ist“, in dem also, was ohnehin der Fall ist, frei fühlen. Nicht darin, etwas Besonderes anzustreben, liegt dann Freiheit, sondern darin, der ohnehin vernünftigen Wirklichkeit Folge zu leisten. Womit der Philosophie somit auch jegliches emanzipatorische Potential entflieht:

„Um noch über das Belehren, wie die Welt sein soll, ein Wort zu sagen, so kommt dazu ohnehin die Philosophie immer zu spät. Als der Gedanke der Welt erscheint sie erst in der Zeit, nachdem die Wirklichkeit ihren Bildungsprozeß vollendet und sich fertig gemacht hat.“ (S. 27f)

Philosophie also kann nicht belehren, nicht aufklären, nichts bewegen. Sie kann lediglich eben jene Wirklichkeit berichten, die sich schon zur Vollendung gebracht hat. Nach alldem hat man nur die Wahl, die Unentrinnbarkeit der wirklichen Welt insgesamt anzuerkennen und sich vollendetem Fatalismus hinzugeben oder eben ihrer Vernünftigkeit doch nicht über den Weg zu trauen und doch noch das ein oder andere für subopitmal zu halten.

 

G. W. F. Hegel: Grundlinien der Philosophie des Rechts; Frankfurt am Main 1970.

Schreibe einen Kommentar