Schlägt Aufklärung in Barbarei zurück?

Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung

Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung

1933 wurde Theodor W. Adorno aufgrund seiner jüdischen Abstammung von den Nationalsozialisten die Lehrerlaubnis entzogen. Adorno ging nach England und arbeitete ohne ordentliche Anstellung an der Universität Oxford weiter. Vier Jahre später bekam er dann vom Institut für Sozialforschung in New York eine Stelle angeboten. Dort hatte Max Horkheimer, ein acht Jahre älterer jüdischer Fabrikantensohn, das private Institut wieder aufgebaut, das aufgrund seiner marxistischen Ausrichtung in Frankfurt aufgegeben werden musste. Gemeinsam verarbeiteten Adorno und Horkheimer in den USA dann das Zeitgeschehen im Werk Dialektik der Aufklärung, das sie 1944 noch vor Kriegsende veröffentlichten:

„Was wir uns vorgesetzt hatten, war tatsächlich nicht weniger als die Erkenntnis, warum die Menschheit, anstatt in einen wahrhaft menschlichen Zustand einzutreten, in eine neue Art von Barbarei versinkt.“ (Horkheimer/Adorno 1969, S. 1)

Die beiden Autoren sehen als Ursache der Barbarei nicht einfach den besonderen Charakter Hitlers, sondern einen Effekt der Aufklärung selbst:

„Wir glauben, in diesen Fragmenten insofern zu solchem Verständnis beizutragen, als wir zeigen, daß die Ursache des Rückfalls von Aufklärung in Mythologie nicht so sehr bei den eigens zum Zweck des Rückfalls ersonnenen nationalistischen, heidnischen und sonstigen modernen Mythologien zu suchen ist, sondern bei der in Furcht vor der Wahrheit erstarrenden Aufklärung selbst.“ (ebd. S. 4)

Im Kern nämlich sei Aufklärung weniger rational als sie sich gibt, sondern enthalte stets schon einen mythischen Kern. Aufklärung will Naturkräfte der Kontrolle durch den Menschen unterwerfen. Doch das wollte der Mythos auch schon. Moderne Medizin will Krankheit bekämpfen. Genau das wollte auch schon der Medizinmann, nur dass er auf Geisterbeschwörung statt auf Pillen setzte.

„Grob ließe die erste Abhandlung in ihrem kritischen Teil auf zwei Thesen sich bringen: schon der Mythos ist Aufklärung, und: Aufklärung schlägt in Mythologie zurück.“ (ebd. S. 6)

Wenn man nur nach Beherrschung strebt, dann geht Aufklärung nicht über Mythologie hinaus. Sie verfolgt das gleiche Muster. Beide wollen Einfluss auf die Natur nehmen: bessere Ernten, Schutz vor Naturkatastrophen oder Heilung von Krankeiten. Im Resultat mag Aufklärung erfolgreicher sein, doch verhalf sie nicht zu einer sicheren und menschlichen Welt, vielmehr sind Leid und Gefahr noch immer allgegenwärtig – nicht zuletzt durch die Menschheit selbst.

„Seit je hat Aufklärung im umfassendsten Sinn fortschreitenden Denkens das Ziel verfolgt, von den Menschen die Furcht zu nehmen und sie als Herren einzusetzen. Aber die vollends aufgeklärte Erde strahlt im Zeichen triumphalen Unheils.“ (ebd. S. 9)

Der aufklärerische Drang, die Natur zu kontrollieren, hat vor den Menschen nicht Halt gemacht. Statt die Menschheit in das Reich der Vernunft zu führen, hielten die technischen, kommunikativen und organisatorischen Errungenschaften der Aufklärung Einzug in das oftmals barbarische Ringen um Herrschaft, wie es die Menschen untereinander immer fort ausüben.

„Das Wissen, das Macht ist, kennt keine Schranken, weder in der Versklavung der Kreatur noch in der Willfährigkeit gegen die Herren der Welt. (…) Was die Menschen von der Natur lernen wollen, ist, sie anzuwenden, um sie und die Menschen vollends zu beherrschen.“ (ebd. S. 10)

Schlussendlich stehen Aufklärung, Technik, Wissen, ja Natur und Gesellschaft insgesamt den Menschen fremd gegenüber:

„Der Mythos geht in die Aufklärung über und die Natur in bloße Objektivität. Die Menschen bezahlen die Vermehrung ihrer Macht mit der Entfremdung von dem, worüber sie die Macht ausüben. Die Aufklärung verhält sich zu den Dingen wie der Diktator zu den Menschen. Er kennt sie, insofern er sie manipulieren kann.“ (ebd. S. 15)

Der Mensch hat sich zu einem Spielball seiner eigenen Erfindungen, seines eigenen Wissens, seiner eigenen Macht, seiner eigenen Organisationsformen gemacht. Die Menschheit beherrscht die Natur und gibt sich selbst die Regeln des Zusammenlebens. Wenn er sich dabei den Regeln der kapitalistischen Marktwirtschaft unterworfen hat, dann gab er sich lieber einem unbeherrschbaren Mechanismus hin, statt selbst die Vernunft walten zu lassen:

„Indem die bürgerliche Wirtschaft die Gewalt durch die Vermittlung des Marktes vervielfachte, hat sie auch ihre Dinge und Kräfte so vervielfacht, daß es zu deren Verwaltung nicht bloß der Könige, sondern auch der Bürger nicht mehr bedarf: nur noch Aller. Sie lernen an der Macht der Dinge, der Macht endlich zu entraten.“ (ebd. S. 48f)

 

Ist das Ganze das Unwahre?

Theodor W. Adorno: Minima Moralia

Theodor W. Adorno: Minima Moralia

Das alles schrieben Horkheimer und Adorno noch während des Krieges, als das volle Ausmaß des unmenschlichen Massenmordens seitens der Deutschen noch nicht bekannt war. Sechs Jahre nach Kriegsende bringt dann Adorno seine Fassungslosigkeit in einem Satz zum Ausdruck:

„Das Ganze ist das Unwahre.“ (Adorno 1951, S.55)

Wie umgehen mit diesen ungeheurlichen Geschehnissen?  Welche Haltung einnehmen angesichts der Barbarei? Wie weitermachen nach dem ebenso hasserfüllten wie eiskalten Mord an so vielen Menschen? Wie weiterleben unter all den Tätern?

„Der Gedanke, daß nach diesem Krieg das Leben ’normal‘ weitergehen oder gar die Kultur ‚wiederaufgebaut‘ werden könnte – als wäre nicht der Wiederaufbau von Kultur allein schon deren Negation -, ist idiotisch. Millionen Juden sind ermordert worden, und das soll ein Zwischenspiel sein und nicht die Katastrophe selbst. (…) Man muß nur an die Rache für die Ermordeten denken. Werden ebenso viele von den anderen umgebracht, so wird das Grauen zur Einrichtung und das vorkapitalistische Schema der Blutrachte, das seit undenklichen Zeiten bloß noch in abgelegenen Gebirgsgegenden waltete, erweitert wieder eingeführt, mit ganzen Nationen als subjektlosem Subjekt. Werden jedoch die Toten nicht gerächt und Gnade geübt, so hat der ungestrafte Faschismus trotz allem seinen Sieg weg, und nachdem er einmal zeigte, wie leicht es geht, wird es an anderen Stellen sich fortsetzen. (…) Auf die Frage, was man mit dem geschlagenen Deutschland anfangen soll, wüßte ich nur zweierlei zu antworten. Einmal: ich möchte um keinen Preis, unter gar keinen Bedingungen Henker sein oder Rechtstitel für Henker liefern. Dann: ich möchte keinem, und gar mit der Apparatur des Gesetzes, in den Arm fallen, der sich für Geschehenes rächt. Das ist eine durch und durch unbefriedigende, widerspruchsvolle und der Verallgemeinerung ebenso wie der Praxis spottende Antwort. Aber vielleicht liegt der Fehler schon bei der Frage und nicht erst bei mir.“ (ebd. S. 61f)

Der Sieg der Alliierten beendete die Herrschaft der Nationalsozialisten. Deutschland wurde in eine britische, eine französische, eine sowjetische und eine US-amerikanische Besatzungszone aufgeteilt. Während aber neben circa sechs Millionen Juden, ebenso vielen Polen und weit über 20 Millionen Russen aufgrund des deutschen Massenmordens und Vernichtungskriegs ihr Leben verloren, führten viele Mitglieder der SA, der SS, der NSDAP oder Wähler Hitlers nach dem Krieg unbehelligt ihr Leben weiter und behielten nicht selten im Staatsdienst ihre Stelle. Erstaunlich schnell erlangte Deutschland sogar wieder ein eigenes Staatswesen. Die westlichen Alliierten ermöglichten im Mai 1949 die Gründung der Bundesrepublik Deutschland (BRD) im Westen, während die Sowjetunion noch im selben Jahr mit der Schaffung der Deutschen Demokratischen Republik (DDR) anwortete. Schon zuvor waren große Teile Preußens in den polnischen Staat übergegangen. Mitten durch Deutschland verlief nun die neue Konfliklinie der internationalen Politik. Es kämpften nicht mehr westliche Demokraten zusammen mit östlichen Sowjets gegen mitteleuropäische Faschisten, sondern nun standen sich quer durch Europa Kapitalisten und Kommunisten unversöhnlich direkt gegenüber. Der ganze Osten Europas wurde fortan von der Sowjetunion dominiert und der Westen verbündete sich unter der Führung der USA. Der heiße Zweite Weltkrieg ging nahtlos in den Kalten Krieg über, der zwar ohne Waffengewalt ausgetragen wurde, aber dafür mit der unentwegten Drohung der totalen Vernichtung durch Atomwaffen. Nachdem die USA mit der völligen Zerstörung der Städte Hiroshima und Nagasaki im August 1945 Japan zum Frieden zwangen, dauerte es nur vier Jahre ehe auch die Sowjetunion über die vernichtenden Atombomben verfügte. Ost und West standen sich unversöhnlich gegenüber, die Nuklearwaffen aber ließen jede kriegerische Konfliktlösung ausscheiden, wollte man nicht die Vernichtung jeglicher Zivilisation oder gar der Menschheit insgesamt riskieren.

Wozu Theorie?

Noch im Gründungsjahr der Bundesrepublik kehrte Horkheimer nach Frankfurt zurück, wo er eine Professur für Philosophie und Soziologie erhielt. Adorno folgte vier Jahre später in eine BRD, für dessen neues Grundgesetz die Lehre aus den Fehlern der Weimarer Verfassung gezogen wurden und das folgerichtig mit grundlegenden Menschenrechten beginnt:

„Die Würde des Menschen ist unantastbar. Sie zu achten und zu schützen ist Verpflichtung aller staatlichen Gewalt.“ (Art. 1)

Außerdem müssen sich Parteien zur demokratischen Grundordnung der Bundesrepublik bekennen:

„Parteien, die nach ihren Zielen oder nach dem Verhalten ihrer Anhänger darauf ausgehen, die freiheitliche demokratische Grundordnung zu beeinträchtigen oder zu beseitigen oder den Bestand der Bundesrepublik Deutschland zu gefährden, sind verfassungswidrig. Über die Frage der Verfassungswidrigkeit entscheidet das Bundesverfassungsgericht.“ (Art. 21)

Der Bundespräsident wird nicht mehr direkt vom Volk gewählt, sondern vom demokratisch gewählten Bundestag und dem Bundesrat als Vertretung der Länder gewählt. Der Bundeskanzler wird nur durch den Bundestag gewählt. Auf diese Weise können beide, Budeskanzler und Präsident, nicht ins Amt gelangen, wenn sie nicht die Mehrheit des Parlaments hinter sich haben. Konnte und hatte in der Weimarer Republik häufig die Regierung gegen den Reichstag gearbeitet, so wurde in der BRD beides eng verknüpft. Auch in der DDR wurden Präsident und Ministerpräsident durch Volks- und Länderkammer bestimmt. Insofern ähneln sich die Konstruktionen, aber die Wahlverfahren unterschieden sich deutlich. Während in der BRD beliebig viele Parteien mit verschiedenen Listen um die Gunst der Wähler antraten, galt in der DDR die Einheitslistenwahl. Dort stand lediglich eine Liste mit Kandidaten zur Auswahl, von der man einzelne Name durchstreichen konnte, wogegen zustimmte, wer den Zettel unverändert abgab. Obwohl damit der Wahlausgang schon stark vorgegeben wurde, fälschte die sozialistische Regierung regelmäßig das Ergebnis, um über 99 Prozent Zustimmung behaupten zu können.

Theodor W. Adorno: Soziologische Schriften I

Theodor W. Adorno: Soziologische Schriften I

Adorno lebte in der Bundesrepublik wurde Zeuge des sogenannten Wirtschaftswunders, in dessen Zuge die Einkommen rapide anwuchsen. Seine Einschätzung änderte sich dadurch aber nicht. Ein Jahr vor seinem Tod sieht er eine Rückbildung der Gesellschaft ebenso am Werk wie eine des Denkens.

„Die Irrationalität der gegenwärtigen Gesellschaftsstruktur verhindert ihre rationale Entfaltung in der Theorie. Die Perspektive, daß die Lenkung der ökonomischen Prozesse an die politische Macht übergeht, folgt zwar aus der deduziblen Dynamik des Systems, ist aber zugleich eine zu objektiver Irrationalität hin. Das, nicht allein der sterile Dogmatismus ihrer Anhänger, dürfte erklären helfen, warum es längst zu keiner überzeugenden objektiven Gesellschaftstheorie mehr kam. Unter diesem Aspekt wäre der Verzicht auf jene kein kritischer Fortschritt wissenschaftlichen Geistes, sondern Ausdruck zwangshafter Resignation. Parallel zur Rückbildung der Gesellschaft läuft eine des Denkens über sie.“ (Adorno 1972, S. 359f)

Längst habe sich das ökonomische Räderwerk jeder Beherrschbarkeit entzogen. Anders als die Liberalen glauben, handele es sich bei all den staatlichen Interventionen ins Wirtschaftsgeschehen nicht um externe Eingriffe in marktwirtschaftliche Mechanismen. Vielmehr seien sie notwendige Selbstkorrekturen des Wirtschaftssystems:

„Die Macht der Produktionsverhältnisse, die nicht umgewälzt wurden, ist größer als je, aber zugleich sind sie, als objektiv anachronistisch, allerorten erkrankt, beschädigt, durchlöchert. Sie funktionieren nicht mehr selbsttätig. Der wirtschaftliche Interventionismus ist nicht, wie die ältere liberale Schule meint, systemfremd aufgepfropft, sondern systemimmanent, Inbegriff von Selbstverteidigung; nichts könnte den Begriff von Dialektik schlagender erläutern.“ (ebd. S. 367)

Alles hat der Kapitalismus demnach überformt, nichts kann sich ihm mehr entziehen – auch nicht das Nachdenken über die Gesellschaft. Es gibt keinen Ort mehr für Theorie, zugleich aber sei die Welt, wenn überhaupt, nur noch theoretisch zu fassen.

„Kein Standort außerhalb des Getriebes läßt sich mehr beziehen, von dem aus der Spuk mit Namen zu nennen wäre; nur an seiner eigenen Unstimmigkeit ist der Hebel anzusetzen. Das meinten Horkheimer und ich vor Jahrzehnten mit dem Begriff des technologischen Schleiers. Die falsche Identität zwischen der Einrichtung der Welt und ihren Bewohnern durch die totale Expansion der Technik läuft auf die Bestätigung der Produktionsverhältnisse hinaus, nach deren Nutznießern man mittlerweile fast ebenso vergeblich forscht, wie die Proletarier unsichtbar geworden sind. Die Verselbständigung des Systems gegenüber allen, auch den Verfügenden, hat einen Grenzwert erreicht.“ (ebd. S. 369f)

Das System läuft und alles und jeder muss sich unterordnen. Adorno geht offenbar davon aus, dass niemand mehr sich gegen die selbsttätige Dynamik der Gesellschaft stellen kann. Demnach wären wir alle ohnmächtig. Eine niederschmetternde Schlussfolgerung, der nur zu gern widersprechen wollte, allein man wagt es kaum angesichts des überwältigenden, global eng verknüpften Kapitalismus.

Mehr in:

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

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Wozu Demokratie?
Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit.
Konstanz und München: UVK 2017.

 

 

 

 

 

 

 

Theodor W. Adorno: Minima Moralia. Reflexionen aus dem beschädigten Leben; Frankfurt am Main 1951.

Theodor W. Adorno: Spätkapitalismus oder Industriegesellschaft? in: Soziologische Schriften I; Frankfurt am Main 1972.

Max Horkheimer / Theodor W. Adorno: Dialektik der Aufklärung. Philosophische Fragmente; Frankfurt am Main 1969.

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