Schließen Demokratie und Republik einander aus?

Cicero: Vom Staat

Cicero: Vom Staat

Im Jahr 62 vor Christus kehrte der mächtigste Mann jener Zeit, Gnaeus Pompeius Magnus, von einem Feldzug zurück. Unter dem zwischenzeitlichen Diktator Lucius Cornelius Sulla Felix als Feldherr früh zu Ansehen gelangt, hatte Pompeius mit den Piraten im Mittelmeer aufgeräumt, deren Unwesen immer lästiger geworden war. Außerdem hatte er in Kleinasien eine empfindliche Niederlage der Römer verhindert und für Ordnung gesorgt. Pompeius war militärisch grandios erfolgreich, dem Senat sogar ein wenig zu erfolgreich. Zurück in Rom verlangte der siegreiche Feldherr die Verteilung von Land an seine Soldaten, um sie in durchaus üblicher Weise für ihre Verdienste zu belohnen. Einflussreiche Senatoren wollten ihm allerdings einen Strich durch die Rechnung machen, um zu zeigen, wer Herr im Haus ist.

Da sah Gaius Iulius Caesar die Chance, sich die Gunst des mächtigen Pompeius zu sichern, indem er sich auf dessen Seite schlug. Zusammen mit dem reichsten Mann Roms, Marcus Licinius Crassus, wurde ein Triumvirat gebildet: Sie versprachen einander, dass fortan nichts geschehen solle, was einem der drei missfiel. Gemeinsam hatten sie genug Einfluss, um genau das zu erzwingen. Bereits für das Jahr 59 gelang es ihnen, die Wahl Caesars zum Consul noch vor Erreichen des dafür vorgesehenen Mindestalters herbeizuführen, was dann sogleich dazu genutzt wurde, Pompeius‘ Soldaten zufrieden zu stellen. Bei der Durchsetzung seiner Anliegen war man nicht zimperlich. Marcus Calpurnius Bibulus, der zweite Consul neben Caesar, wurde mithilfe von Schlägertrupps ferngehalten und damit daran gehindert sein Veto einzulegen. Als der Senat erschrocken dieses Vorgehen auch noch gewähren ließ, zog sich Bibulus schmollend in sein Privathaus zurück, wodurch sein Gegenspieler es nur noch leichter hatte. Von Gewalt eingeschüchtert nahmen Senat und Volk so manchen Rechtsbruch vorerst hin. Man glaubte, Caesar zur Rechenschaft ziehen zu können, sobald er nicht mehr durch die Bekleidung eines Staatsamts vor einer Strafverfolgung geschützt wäre. Wollte er dem entgehen, dann war nach Ablauf seines Jahres als Consul dringend ein neues Magistrat vonnöten. Erneut ging Caesar also volles Risiko, um seine Ziele zu erreichen, denn ohne Amt würde seine Karriere schon bald im Strudel juristischer Prozesse ein Ende finden. Doch mit Unterstützung seiner Triumvirats-Kollegen gelang es, auf fünf Jahre das Proconsulat für Illyricum (das Gebiet zwischen Adria und Donau) sowie für Gallia (das damals nur Norditalien und Südfrankreich umfasste) übertragen zu bekommen.

Caesar: Der Gallische Krieg

Caesar: Der Gallische Krieg

Dort feierte Caesar außerordentliche militärische Erfolge. Nach und nach brachte er das ganze Gebiet des heutigen Frankreich und Belgien vom Mittelmeer bis zum Kanal und vom Atlantik bis zum Rhein unter römische Kontrolle, sogar nach England setzte er über. Im Wissen, dass in Rom nur militärische Erfolge zählten, ging er dabei äußerst skrupellos vor und führte nach eigenen Angaben den Tod unglaublich vieler Germanen, darunter auch Frauen und Kinder, herbei:

„Während sich ihre Furcht noch darin zeigte, daß sie schrien und hin- und herliefen, brachen unsere Soldaten, die der Zorn über den Verrat vom Vortag anstachelte, in das Lager ein. Dort leisteten noch einige Widerstand und kämpften zwischen den Wagen und dem schweren Gepäck. Die übrige Menge aber, die aus Frauen und Kindern bestand, denn die Germanen waren mit ihrer gesamten Bevölkerung aus der Heimat ausgezogen und über den Rhein gekommen, flüchtete sofort nach allen Richtungen. Um sie einzuholen, sandte Caesar die Reiterei hinter ihnen her. Als die Germanen das Geschrei hinter sich hörten und sahen, wie die Ihren getötet wurden, warfen sie ihre Waffen weg, ließen ihre Feldzeichen im Stich und stürzten aus dem Lager. Da ihnen jedoch, als sie zum Zusammenfluß der Maas und des Rheins gelangten, der weitere Fluchtweg abgeschnitten war, kamen dort viele um, während sich die übrigen in den Fluß stürzten. Von Furcht, Erschöpfung und der reißenden Strömung überwältigt, fanden auch sie den Tod. Unsere Soldaten blieben alle am Leben und hatten nur ganz wenige Verwundete. So zogen sie sich nach der Furcht, die ihnen ein so großer Krieg eingeflößt hatte – die Zahl der Feinde hatte 430 000 betragen -, wieder in das Lager zurück.“ (Caesar 1980, S. 96)

Im Jahr 55 vor Christus erlangten Pompeius und Crassus nochmals das Consulat, verlängerten sogleich Caesars Proconsulat über Gallia und Illyricum um fünf weitere Jahre und schanzten sich selbst die Provinzen Hispania beziehungsweise Syria zu. Macht und Zusammenhalt des Triumvirats waren ungebrochen bis Caesars Tochter Iulia, Ehefrau des Pompeius, im Jahr darauf starb. Die Verbindung begann zu bröckeln und löste sich endgültig als Crassus auf einem Feldzug im Osten getötet wurde.

Schließen Republik und Demokratie einander aus?

Dies war die Zeit, in der Marcus Tullius Cicero mit De re publica eine Verteidigung der römischen Staatsform verfasste. Eine Zeit, in der die Republik über Jahrhunderte hinweg Stärke und Stabilität verliehen hatte. Aber in den letzten Jahrzehnten auch eine Zeit, in der einzelne Personen enorme Macht anhäufen konnten. War die römische Geschichte lange vom Ringen zwischen Senat und Volk geprägt, wobei das Volk schrittweise an Einfluss gewonnen hatte, so fand die Auseinandersetzung zuletzt häufiger zwischen Einzelpersonen statt, die mit allen Mitteln versuchten, Macht an sich zu reißen. Längst waren sie auch dazu bereit, jenen friedlichen Rahmen zur Austragung von Machtkämpfen zu verlassen, den die Republik vorgegeben hatte. „Ausgeglichenheit“ und „Beständigkeit“ (Cicero 2013, S. 91; rep. 1, 69), die nach Cicero beide den republikanischen Erfolg bislang ausgemacht hatten, waren gefährdet. Der ehemalige Consul machte sich nun daran, die Stärken jener Staatsform herauszustellen, die er allen anderen von Platon und Aristoteles beschriebenen Formen für weit überlegen hält. Monarchie, Aristokratie und Demokratie seien zwar erträglich:

„Aber in Monarchien haben alle übrigen zu wenig Anteil an dem gemeinsamen Recht und der planvollen Leitung des Staates; in der Aristokratie kann die Menge, da ihr jede Beteiligung an der planvollen Leitung und an der Macht fehlt, kaum Anteil an der Freiheit haben; und in der Demokratie, wenn alles vom Volk entschieden wird (und mag dieses noch so gerecht und maßvoll sein), ist die Gleichheit selbst ein Element der Ungerechtigkeit, da sie keine Rangstufungen kennt.“ (ebd. S. 57f; rep. 1, 43)

Deshalb erachtet Cicero als beste Staatsform eine, „die aus den drei genannten maßvoll gemischt ist“ (ebd. S. 61; rep. 1, 45), wobei die beste Mischung sein geliebtes Rom selbst hervorgebracht habe:

„Keiner von allen Staaten ist nach seiner Verfassung, der Verteilung der Gewalten und nach seiner geregelten Ordnung mit dem zu vergleichen, den unsere Väter uns hinterlassen haben, wie sie ihn von ihren Vorfahren empfangen hatten.“ (ebd., S. 93; rep. 1, 70)

Jochen Bleicken: Die Verfassung der Römischen Republik

Jochen Bleicken: Die Verfassung der Römischen Republik

Die Republik wurde von den Römern geschätzt und verehrt. Sie wurde als Vermächtnis der Ahnen verstanden und nicht in Frage gestellt. Das gesellschaftliche und das staatliche Gefüge waren untrennbar verbunden und wurde als „Gewohnheit“ (Bleicken 1995, S. 149) gelebt. Die Änderungen, wie sie sich im Lauf der Jahrhunderte ergeben hatten, galten den Römern selbst nicht als ein Abweichen vom überlieferten Weg, sondern als notwendige Anpassungen, um das republikanische Gefüge unter veränderten Bedingungen aufrecht zu erhalten. Die Republik tritt folglich nicht als Drittes neben Volk und Recht, sondern verknüpft beides, deshalb ist sie für Cicero

„die Sache des Volkes [res populi]; Volk aber ist nicht jede beliebige Ansammlung von Menschen, sondern der Zusammenschluss einer Menge, die einvernehmlich eine Rechtsgemeinschaft bildet und durch gemeinsamen Nutzen verbunden ist.“ (Cicero 2013 S. 55; rep. 1, 39)

Die Republik ist Sache des Volkes, insofern sie alle Bürger zu einer Rechtsgemeinschaft zusammenfasst. Zwar geht die Gesetzgebung nicht unmittelbar vom Volk aus, und doch kann sie nicht gegen seinen Willen erfolgen. Die Republik ist Sache des Volkes, insofern sie niemandem zu viel Macht verleiht. Zwar herrscht das Volk nicht selbst, und doch verleiht es allein die Regierungsmacht an einen ausgewählten Personenkreis. Die Republik ist Sache des Volkes, insofern sie zu dessen Nutzen besteht. Zwar entscheidet das Volk nicht unmittelbar, was es für nützlich hält, und doch müssen sich die Regierenden am Wohl des Volkes orientieren, wollen sie an der Macht bleiben. Die Republik ist Sache des Volkes, aber sie ist keine Demokratie. Das Volk herrscht nicht direkt, sondern vermittelt über komplizierte Mechanismen und Gremien. Nach antikem Verständnis sind demgemäß die heutigen Industriestaaten keine Demokratien, sondern Republiken. Ganz im Sinne Ciceros sollen Wahlen die Teilhabe an Recht und Freiheit gewähren, parteigebundene Politiker sollen Beständigkeit und Ausgeglichenheit fördern, und die gegenseitige Kontrolle von Regierung, Gesetzgebung und Rechtsprechung soll schließlich verhindern, dass jemand zu viel Macht an sich zieht. Schlussendlich hängt die Stabilität der Republik davon ab, wie sehr sie die verschiedenen Kräfte ausgleichen kann.

In Rom war der Glaube an die Republik auch zur Zeit des Triumvirats ungebrochen, weshalb dieses nicht offen als Bündnis auftreten durfte. Dennoch gelang es der alten Ordnung immer weniger sich gegen das Machtverlangen Einzelner zu verteidigen. Das Versagen der Republik lag weniger darin, dass sie Caesar, Pompeius oder auch Sulla in ihrer vollen Machtfülle nicht standhielt, sondern vielmehr darin, dass Einzelne innerhalb der bestehenden Ordnung überhaupt genug Macht auf sich vereinigen konnten, um der Staatsordnung gefährlich werden zu können. Bereits damit waren die Voraussetzungen der Republik verletzt. Lange wurde der Senat vom Interesse getragen, nur gemeinsam in der feindlichen Welt von Kelten, Karthagern oder Griechen bestehen zu können, wo jeder Sieg zudem einen Zugewinn an Macht und Einfluss für alle bedeutete. Nachdem die unangefochtene Herrschaft über den gesamten Mittelmeerraum errungen war, brachten weitere Siege für die Gemeinschaft dann jedoch kaum zusätzlichen Machtgewinn, demgegenüber für den siegreichen Feldherrn umso mehr. Die Senatoren gewannen nun nicht mehr gemeinsam an Einfluss, sondern Einzelne auf Kosten der anderen. Der Kuchen wuchs nicht mehr und der Kampf um die Verteilung war in vollem Gange.

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Mehr in:

Hubertus Niedermaier:
Wozu Demokratie?
Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit.
Konstanz und München: UVK 2017.

 

 

 

 

 

 

Bleicken, Jochen (1995): Die Verfassung der Römischen Republik. Grundlagen und Entwicklung; Paderborn.

Caesar, Gaius Iulius (1980): Der Gallische Krieg; Stuttgart.

Cicero, Marcus Tullius (2013): De re publica. Vom Staat; Stuttgart.

Schreibe einen Kommentar