Das Verlangen nach Macht

Thomas Hobbes: „Leviathan“ – gegengelesen 2

Thomas Hobbes: Leviathan

Thomas Hobbes: Leviathan

Einen, wenn nicht den entscheidenden Ausgangspunkt seiner Überlegungen führt Thomas Hobbes in einem Kapitel über Sitten ein – mit dem Titel: „Von der Verschiedenheit der Sitten“ (Kap. 11). Das ist insofern befremdlich, als es weder um Anstandsregeln noch um Gebräuche geht; noch nicht mal die kulturelle Vielfalt, wie sie im Titel des Kapitels durchklingt, spielt eine tragende Rolle. Vielmehr führt Hobbes ohne große Umschweife eine Eigenschaft ein, die seiner Ansicht nach allen Menschen gemeinsam ist. Ein längeres Zitat vom Beginn des Kapitels illustriert den raschen thematischen Übergang von den Sitten zum menschlichen Verlangen und zugleich dessen Herleitung:

„Unter Sitten verstehe ich hier nicht geziemendes Betragen, z. B. wie man einen anderen grüßen, in Gesellschaft den Mund wischen oder die Zähne stochern soll, oder andere Regeln der Anstandslehre, sondern diejenigen Eigenschaften der Menschheit, die ihr Zusammenleben in Frieden und Eintracht betreffen. Hierbei haben wir zu beachten, daß die Glückseligkeit dieses Lebens nicht in der zufriedenen Seelenruhe besteht. Denn es gibt kein finis ultimus, d. h. letztes Ziel, oder summum bonum, d. h. höchstes Gut, von welchem in den Schriften der alten Moralphilosophen die Rede ist. Auch kann ein Mensch, der keine Wünsche mehr hat, so wenig weiterleben wie einer, dessen Empfindungen und Vorstellungen zum Stillstand gekommen sind. Glückseligkeit ist ein ständiges Fortschreiten des Verlangens von einem Gegenstand zu einem anderen, wobei jedoch das Erlangen des einen Gegenstandes nur der Weg ist, der zum nächsten Gegenstand führt. Der Grund hierfür liegt darin, daß es Gegenstand menschlichen Verlangens ist, nicht nur einmal und zu einem bestimmten Zeitpunkt zu genießen, sondern sicherzustellen, daß seinem zukünftigen Verlangen nichts im Wege steht. Und deshalb gehen die willentlichen Handlungen und Neigungen aller Menschen nicht nur darauf aus, sich ein zufriedenes Leben zu verschaffen, sondern auch darauf, es zu sichern. Sie unterscheiden sich nur im Weg: dies kommt teils von der Verschiedenheit der Leidenschaften bei verschiedenen Menschen, teils von ihren unterschiedlichen Kenntnissen oder Meinungen, die jeder einzelne von den Ursachen hat, die die begehrten Wirkungen hervorbringen.
So halte ich an erster Stelle ein fortwährendes und rastloses Verlangen nach immer neuer Macht für einen allgemeinen Trieb der gesamten Menschheit, der nur mit dem Tode endet. Und der Grund hierfür liegt nicht immer darin, daß sich ein Mensch einen größeren Genuß erhofft als den bereits erlangten, oder daß er mit einer bescheidenen Macht nicht zufrieden sein kann, sondern darin, daß er die gegenwärtige Macht und die Mittel zu einem angenehmen Leben ohne den Erwerb zusätzlicher Macht nicht sicherstellen kann.“ (Hobbes S. 75)

Wenn Hobbes annimmt, allen Menschen verlange es unaufhörlich nach Macht, weil sie so mehr Sicherheit für sich zu erreichen hoffen, muss er zugleich davon ausgehen, dass diese Eigenschaft bereits vorgelegen haben muss, ehe er sie zur Grundlage seiner politischen Philosophie erhoben hat. Er konnte demnach nicht davon ausgehen, dass ein solch fundamentales Streben den alten Moralphilosophen verborgen geblieben war. Selbstverständlich kannten auch sie Menschen, die von einem unstillbaren Verlangen angetrieben wurden, die Einordnung dieses Sachverhalts fiel allerdings völlig anders aus: Es galt ihnen als verwerfliches Fehlverhalten, sich unersättlich oder maßlos zu geben (vgl. Aristoteles Pol. 1267a; Platon Pol. 562a). Was für Hobbes die Folge eines naturgegebenen Sicherheitsbedürfnisses darstellt, nennen andere verächtlich Gier. Angesichts dessen, dass dem Engländer dies wohlbekannt war, fällt seine Erläuterung sehr knapp aus. Wie es dazu kommt, dass er zur menschlichen Natur erhebt, was seine Vorgänger als bedauernswerte Sonderfälle erachteten, darauf gibt Hobbes keinen Hinweis. Trotzdem zeigte er sich überzeugt davon, zu wissen, was den Menschen im Innersten ausmacht. Die Gründe dafür müssen folglich woanders liegen.

Die unmoralische Exklusivität des Himmelreichs

Hobbes hatte keine bessere Ausgangslage als seine Vorgänger. Über die Natur des Menschen war seinerzeit nicht mehr bekannt als in der Antike. Die Natur des Menschen trat nicht offener zutage als knapp 2000 Jahre zuvor. Im Wesentlichen konnte man nur auf das zurückgreifen, was man aus dem Alltag kannte. Dieser hatte sich allerdings stark verwandelt. Trotz vergleichbarer Voraussetzungen lagen für Hobbes somit völlig andere Umstände vor. Umstände, die ihn offenbar an den Grundlagen alter Moralphilosophien haben zweifeln lassen.

Jede christliche Moral setzt nicht nur den Glauben an einen Allmächtigen voraus, sondern zudem dass die Aufnahme in dessen Reich als einzig erstrebenswertes Ziel angesehen wird (vgl. Augustinus: Vom Gottesstaat XIV.28). Der Weg dorthin muss biblischer Offenbarung entnommen werden. Durch die innerchristlichen Religionskriege des 17. Jahrhunderts musste eine solche Fundierung der Moral an Überzeugungskraft verlieren. Die Auseinandersetzungen zwischen Protestanten und Katholiken führten vor Augen, dass es nicht nur eine Auslegung der Bibel gab. Damit verlor auch jede Moral, die sich darauf berief, ihre Eindeutigkeit. War das puritanische Streben nach Reichtum und Disziplin (vgl. Weber 1988, S. 190) nun gottesfürchtig oder gierig und unmenschlich? Jeder philosophische Geist, der Widersprüche zu vermeiden versucht, kann mit solcherlei Uneindeutigkeit nicht zufrieden sein. Erschwerend hinzu kommt die Annahme, der Mensch strebe das christliche Himmelreich an. Denn ganz offensichtlich gilt das für alle Menschen anderen Glaubens nicht. Man kann nun dem Allmächtigen zugestehen, nur manche für sein Himmelreich ausgewählt haben, oder jedem Einzelnen die Freiheit, sich zum rechten Glauben zu bekennen. Die aufkommende Handelsschiffahrt führte jedoch vor Augen, dass viele Menschen dazu keine Gelegenheit hatten, weil sie niemals mit der christlichen Religion in Berührung kamen. Jeder philosophische Geist, der universale Gültigkeit anstrebt, kann auch mit solcherlei Exklusivität nicht zufrieden sein. Moral ist schwer vorstellbar als etwas, das ein Allmächtiger nur wenigen Auserwählten angedeihen lässt, die dann mit vielen unmoralischen Mitmenschen geplagt sind, noch als etwas, das in einer uneindeutigen Offenbarung begründet ist.

Maßlosigkeit verhindert Glückseligkeit

Hobbes lehnt nicht nur die christliche Moralphilosophie ab, sondern auch die vorchristliche, aristotelische Vorstellung von der Glückseligkeit. Anders als mit der Vorstellung eines Himmelreichs legt ein solcher Ansatz nicht fest, wie man sein Glück findet, aber er hält dieses zumindest für erreichbar und erstrebenswert. Unersättlichkeit widerspricht einer solchen Zielvorstellung. Wer mit nichts zufrieden ist, kann sein Glück nicht finden. Damit erhält der Mensch den Freiraum, das Glück nach seiner Façon zu suchen und zugleich sich irgendwann mit seiner Lage zufrieden zu geben. Damit lässt Aristoteles sehr viel offen. Es ist nichts darüber ausgesagt, wie das Ziel konkret aussehen könnte und wie man es erreichen kann. Offenbar können sich die Ziele individuell unterscheiden und wer mit weniger zufrieden ist, hat es leichter. Wogegen eine Eigenschaft damit auf keinen Fall vereinbar ist: Maßlosigkeit.

Genau hiergegen wendet sich Hobbes, indem er das grundlegende Verlangen der Menschen für unstillbar hält. Jeder Mensch ist unersättlich nach Macht; diesen Grundsatz erklärt er für universal gültig. Was veranlasst ihn zu einer solch rigorosen Annahme, obwohl doch nur ein Gegenbeispiel genügen würde, um ihn zu widerlegen? Sicherlich zeigten sich alle Protagonisten des englischen Bürgerkriegs unaufhörlich begierig nach Macht. Jene Parlamentarier, die Charles II. vorgeworfen hatten, unersättlich absolutistische Machtbefugnisse anzustreben, verrieten im Laufe des Bürgerkriegs ihre eigenen Ideale und muteten der Bevölkerung eben jene Maßnahmen und Besteuerungen zu, gegen die sie beim König rebelliert hatten. Einmal an die Macht gelangt, erlangte Oliver Cromwell als Lord Protector schließlich absolutistische Befugnisse, wie sie Charles verwehrt worden waren. Unersättliche Machthaber sind aber kein Novum der frühen Neuzeit. Aristoteles dürfte damit ebenfalls bestens vertraut gewesen sein, war er doch vier Jahre lang Lehrer des jungen Alexander, der später der Große genannt wurde und unaufhörlich weiteren Eroberungen nachging. Trotzdem hielt der griechische Philosoph Maßlosigkeit für keine menschliche Grundeigenschaft, vielmehr erschien sie ihm ein zu vermeidendes Übel zu sein:

Aristoteles: Philosophische Schriften

Aristoteles: Philosophische Schriften

„Wahr aber bleibt, daß die größten Ungerechtigkeiten von denen ausgehen, die das Übermaß verfolgen, nicht von denen, die die Not treibt.“ (Aristoteles Pol. 1267a)

Das unstillbare Verlangen des Kapitalismus

Für Aristoteles war Unersättlichkeit ein Sonderfall, nicht Normalität. Hobbes hat von der Menschheit einen anderen Eindruck gewonnen. Sein England des 17. Jahrhunderts war nicht nur geprägt vom Bürgerkrieg machthungriger Führungspersönlichkeiten, sondern ebenso von einem aufkeimenden Kapitalismus. Im Zuge wachsender Bevölkerung, wachsender Städte und wachsendem Fernhandel ließ sich mit landwirtschaftlichen Produkten Geld verdienen. Landherren entzogen Allmenden der allgemeinen Nutzung, um sie gewinnbringend zu bestellen, und beendeten oder verteuerten Pachtverträge. Schon 1516 schreibt Thomas Morus dazu:

Thomas Morus: Utopia

Thomas Morus: Utopia

„So umgibt ein einziger unersättlicher Prasser, ein scheußlicher Fluch für sein Vaterland, einige Tausend zusammenhängende Äcker mit einem einzigen Zaun, die Bodenbebauer werden hinausgeworfen, entweder gewaltsam unterdrückt oder mit List umgarnt, oder, durch allerlei Unbilden abgehetzt, zum Verkauf getrieben. So oder so wandern die Unglücklichen aus, Männer, Weiber, Kinder, Ehemänner und Gattinnen, Waisen, Witwen, Mütter mit kleinen Kindern, mit einer zahlreichen dürftigen Familie, da der Ackerbau vieler Hände bedarf – sie wandern aus, sage ich, aus ihren altgewohnten Heimstätten, und finden kein schützendes Obdach; ihren ganzen Hausrat, für den ohnehin nicht viel zu erzielen ist, müssen sie, da sie ausgetrieben werden, für ein Spottgeld hergeben, und wenn sie dann diesen Erlös binnen kurzem bei ihrem Herumschweifen aufgebraucht haben, was bleibt ihnen schließlich übrig, als zu stehlen und danach von Rechts wegen gehängt zu werden, oder als Bettler sich herumzutreiben?“ (Morus 1992, S. 56)

Die mittelalterliche, vorwiegend subsistenzielle Landwirtschaft entwickelte sich immer stärker in eine moderne, kapitalistische Unternehmung. Zugleich schwang sich England zur führenden Handelsmacht auf. Hobbes erlebte nicht nur, wie Bürgerkriegsparteien um der Macht Willen ihre Ideale aufgaben, sondern auch wie Landbesitzer skrupellos einfache Bauern der Armut preisgaben, um mit dem Ertrag des Landes in Eigenregie Reichtum zu erlangen. Die vom Land Vertriebenen versuchten fortan, mit allen Mitteln ihr Überleben zu sichern und ihren Status wieder zu verbessern. Schließlich konnte Hobbes mitverfolgen, wie reich gewordene Händler, Ländereien aufkauften, um in den Adel aufgenommen zu werden und so die Möglichkeit politischer Mitsprache zu bekommen. Wer nicht ums nackte Überleben rang, kämpfte in einer Welt des Gewinnstrebens um Zugewinn an Reichtum und Macht. Das war auch dringend geboten, denn die Kosten für Lebensmittel und -haltung stiegen ungewöhnlich schnell an. Manch Adliger, der die kapitalistischen Zeichen der Zeit zu spät erkannte, verarmte. (vgl. Haan/Niedhart 1993, S. 70ff)

Legt die Natur den Menschen fest?

Zugleich erlebte die Mathematik im 17. Jahrhundert einen Aufschwung, der sich in der Philosophie niederschlug, die der Mathematiker René Descartes versuchte auf ein einziges Axiom aufzubauen: Cogito ergo sum! Davon beeinflusst, nimmt Hobbes für die politische Philosophie genauso vor und nimmt eine weitreichende Weichenstellung vor: Denn indem die gesamte menschliche Existenz auf ein grundlegendes Streben zurückgeführt wird, bestimmt man dadurch jegliches Verhalten. Der Mensch wird zur Marionette seines unentrinnbaren Verlangens. Wer die Natur zum Ausgangspunkt nimmt, spricht anderen Kräften ihren Einfluss ab. Man könnte Gott zwar noch eine bedeutende Rolle als Schöpfer der Natur zuweisen, direkte Einflussnahme auf das Leben würde jedoch einer naturgegebenen Festlegung des Menschen widersprechen. Daraus ergibt sich ein unüberwindbarer Gegensatz zum Christentum. Jene Ablehnung, die Hobbes aufgrund anderer Teile seines Werkes, erfahren hat, liegt schon hier begründet. Wer Natur die Fäden ziehen lässt, nimmt sie Gott aus der Hand.

Auch moralische Urteile werden unmöglich, wenn der Mensch einfach nur seiner Natur folgt. Es ist dann nichts dagegen zu sagen, sollte jemand eine Situation bestmöglich für seine Interessen nutzen und dabei rücksichtslos oder ausbeuterisch vorgehen. Er folgte schlicht seiner Natur. Wer ein solches Verhalten moralisch verurteilen will, muss zugleich einer solchen Festlegung widersprechen. Nur auf welcher Grundlage? Die moderne Hirnforschung steht hier ganz in der Tradition von Hobbes und reduziert den Menschen auf ein determiniertes Wesen. Natur wird dabei gerne auf ein mechanisches Wirken von Ursachen reduziert, aber vor allem die lebende Natur erscheint komplexer.

In eigener Sache

Mehr zu Thomas Hobbes und den Wurzeln unserer Demokratie in „Wozu Demokratie?

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

„Das Misstrauen unter den Menschen sei so groß, dass jeder versuche, seine Macht immer weiter zu steigern und sich viele wie möglich untertan zu machen, nur um seine Selbsterhaltung zu sichern – ganz nach der Maxime: Unterwerfe den anderen, bevor er dich unterwirft! Die Folge wäre ein „Krieg eines jeden gegen jeden,‘ in dem die größten Unmenschlichkeiten gegen einzelne Menschen von anderen Menschen ausgeübt würden. Das bringt Hobbes zu seiner bekannten Feststellung: ‚Der Mensch ist ein Wolf für den Menschn.‘ – Homo homini lupus!

Zum Teil 1: Gottes Natur und der Menschen Kunst

Literatur:

Aristoteles (1995): Philosophische Schriften in sechs Bänden. Band 4; Hamburg.

Augustinus (2017): Zweinundzwanzig Bücher über den Staat. http://www.unifr.ch/bkv/bucha91.htm

Haan, Heiner / Niedhart, Gottfried (1993): Geschichte Englands vom 16. bis zum 18. Jahrhundert; München.

Hobbes, Thomas (1966): Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates; Frankfurt am Main.

Morus, Thomas (1992): Utopia; Frankfurt am Main.

Niedermaier, Hubertus (2017): Wozu Demokratie? Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit; Konstanz.

Platon (1994): Sämtliche Werke. Band 2; Reinbek bei Hamburg.

Weber, Max (1988): Gesammelte Aufsätze zur Religionssoziologie I; Tübingen.

Ein Gedanke zu „Das Verlangen nach Macht

  1. Pingback: Die Religion der anderen ist Aberglauben | Wozu Fragen?

Schreibe einen Kommentar