Niklas Luhmann: Es gibt Systeme

Niklas Luhmann: „Soziale Systeme“ – Kapitel 1.I

Niklas Luhmann: Soziale Systeme

Niklas Luhmann: Soziale Systeme

Niklas Luhmann beginnt sein theoretisch grundlegendes Werk über „Soziale Systeme“ nach der Einleitung mit der Klarstellung des Ausgangspunkts. Diese Setzung dient einerseits dazu, für eine zirkulär gebaute Theorie einen Einstieg zu wählen, der aufgrund der Zirkularität theoretisch beliebig sein müsste, sicherlich aber großen Einfluss auf die Zugänglichkeit hat. Nicht jeder Einstieg dürfte gleichermaßen nachvollziehbar sein.

In seiner Entschiedenheit positioniert sich der Ausgangspunkt zugleich als Absage an eine allzu konstruktivistische Theorie-Position: Luhmann beginnt nicht mit jenem grundlegenden erkenntnistheoretischen Zweifel, wonach wir nicht wissen können, wie sich unsere Erkenntnis zur Realität verhält, noch nicht einmal, ob es die Welt jenseits unserer Vorstellungen überhaupt gibt. Dabei klingt auch eine Ablehnung eines radikalen Konstruktivismus durch, der sich aufgrund eben jener erkenntnistheoretischer Zweifel, jeglicher Aussagen über die Wirklichkeit enthält. Das ist insofern bemerkenswert, als dass Luhmann uneingeschränkt eine konstruktivistische Position bezieht, daraus aber eben völlig andere Konsequenzen zieht, wie schon aus diesen ersten Sätzen hervorgeht:

Die folgenden Überlegungen gehen davon aus, daß es Systeme gibt. Sie beginnen also nicht mit einem erkenntnistheoretischen Zweifel. Sie beziehen auch nicht die Rückzugsposition einer „lediglich analytischen Relevanz“ der Systemtheorie. Erst recht soll die Engstinterpretation der Systemtheorie als eine bloße Methode der Wirklichkeitsanalyse vermieden werden. (Niklas Luhmann: Soziale Systeme, S. 30)

Für Luhmann verhindert ein konstruktivistisches Vorgehen keine Aussagen über die Wirklichkeit dar, sondern erlaubt diese durchaus. Vielmehr stellt sich die Frage, welcher Voraussetzungen es bedarf, um eine solche Position zu beziehen. Die Annahme, dass es Systeme gibt, erlaubt es, den Ort zu benennen, wo Vorstellungen, Konstruktionen der Wirklichkeit generiert werden: in einem System. Wenn es nichts gibt, das sich Vorstellungen von der Wirklichkeit machen kann, dann kann es auch diese Vorstellungen selbst nicht geben. Ohne System keine Konstruktionen.

Ich konstruiere, also bin ich ein System!

René Descartes: Meditationen über die erste Philosophie. Meiner.

René Descartes: Meditationen über die erste Philosophie. Meiner.

Das Verfahren erinnert an René Descartes: Man kann an allem zweifeln, nur nicht am Zweifelnden selbst. Cogito ergo sum! (vgl. René Descartes: Meditationen über die erste Philsosophie) Ebenso kann man alles für konstruiert halten, nur nicht den Konstrukteur. Ich konstruiere, also bin ich ein System!

Das System bezeichnet somit eine Einheit, die in der Lage ist, sich Vorstellungen zu machen. Wenn man diese nicht für völlig beliebig halten will, dann bedürfen sie allerdings einschränkender Mechanismen. Solche erfährt ein System, wenn es nicht völlig für sich allein existiert. Sobald es jenseits des Systems eine Wirklichkeit gibt, die sich mancher Vorstellung gegenüber widerständig zeigt, ist nicht die Aufrechterhaltung aller Vorstellungen gleichermaßen möglich, sondern manche lassen sich dann leichter aufrecht erhalten als andere. Will sich ein Konstruktivismus nicht in Beliebigkeit verlieren, muss er folglich von einer Welt ausgehen, die sich nicht völlig seinen Vorstellungen fügt. Vielmehr ist es das Los des Konstrukteurs, dass seine Konstruktionen sich trotz aller Formschönheit zuweilen nicht als tragfähig erweisen. Jeder Konstruktivist, der sich nicht mit Solipsismus zufrieden geben möchte, kommt deshalb nicht umhin, nicht nur ein System anzunehmen, dass existiert, sondern auch eine Welt, in der das System existiert. Luhmanns Überlegungen gehen folglich nicht nur davon aus, dass es Systeme gibt, sondern auch davon, dass es die Welt gibt. Trotz allem bleiben systemseitige Konstruktionen Konstruktionen und können keine Abbildung der Wirklichkeit als solche beanspruchen:

Selbstverständlich darf man Aussagen nicht mit ihren eigenen Gegenständen verwechseln; man muß sich bewußt sein, daß Aussagen nur Aussagen und wissenschaftliche Aussagen nur wissenschaftliche Aussagen sind. Aber sie beziehen sich, jedenfalls im Falle der Systemtheorie, auf die wirkliche Welt. Der Systembegriff bezeichnet also etwas, was wirklich ein System ist, und läßt sich damit auf eine Verantwortung für die Bewährung seiner Aussagen an der Wirklichkeit ein. (Niklas Luhmann: Soziale Systeme, S. 30)

Aussagen über die Wirklichkeit sind nicht gleichbedeutend mit derselben, gleichwohl bedarf es wirklicher Systeme in einer wirklichen Welt, damit es überhaupt etwas gibt, das Aussagen treffen kann. Das schließt freilich auch Aussagen über Systeme und die Welt ein. Die Systemtheorie muss mithin stets auf sich selbst anwendbar bleiben, sie muss selbstreferentiell angelegt sein, sie ist Forschungsmethode und Forschungsgegenstand zugleich. Auch die Konstruktionen der Systemtheorie sind Konstruktionen eines Systems, die sich gegenüber den Widerständen der Wirklichkeit bewähren müssen.

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