Fördert Liberalismus Migration?

Ivan Krastev: „Europadämmerung“ – gegengelesen 2

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev: Europadämmerung

Ivan Krastev sieht die EU als ein spekulatives Projekt, weil ihr Gelingen von einer bestimmten gesellschaftlichen Entwicklung abhängig sei:

„Die Europäische Union ist eine hochriskante Wette darauf, dass die Menschheit sich in Richtung einer demokratischeren und toleranteren Gesellschaft fortentwickeln wird.“ (S. 26)

Man kann eine solche Aussage als Feststellung lesen, aber man kann sich auch kaum des Eindrucks erwehren, dass hier Kritik mitschwingt. Jedenfalls erscheint es wenig ratsam einen Staatenbund auf einer Grundlage zu errichten, die man als unsicher oder gar „hochriskant“ ansieht. Entsprechend könnte man Krastev hier einmal mehr so verstehen, dass er Naivität am Werke sieht.

Unbestreitbar misst die EU ihrem Selbstverständnis nach Demokratie und Toleranz einen hohen Stellenwert bei. Sie betrachtet beides allerdings nicht einfach als ein perspektivisches Ziel, vielmehr handelt es sich um Voraussetzungen für die Aufnahme in die Staatengemeinschaft. Zugleich versucht die EU tatsächlich selbst dazu beizutragen, dass Demokratie und Toleranz fortbestehen, indem sie für einen engen Austausch unter ihren Mitgliedstaaten sorgt, indem sie rechtsstaatliche Anforderungen stellt, indem sie Wert auf freie Wahlen legt.

Worin Krastev eine naive Ausrichtung an hehren Idealen zu erkennen glaubt, das ist dem Bemühen um den Erhalt der gemeinsamen Grundlagen geschuldet. Demokratie und Toleranz gelten der EU nicht als idealistischer Luxus, sondern als notwendige Voraussetzung. Ihr Ende wäre demnach gleichbedeutend mit demjenigen des Staatenbunds. Dieser ist in seiner engen Verzahnung ohne ein solches Fundament nicht vorstellbar. Wie sollte man sich sonst auf gemeinsame, für alle Beteiligte verbindliche Entscheidungen verständigen, wenn man einander mit Intoleranz gegenüberträte? Wie sollten Entscheidungsprozesse für weitreichende Belange, wie sie die EU behandelt, funktionieren, wenn in den einzelnen Staaten unterschiedliche Regierungssysteme herrschten, in manchen womöglich gar Diktaturen? Welcher Autokrat würde sich von anderen Völkern reinreden lassen, wenn er sein eigenes nicht mitreden lässt?

Demokratie: Idealismus oder Macht des Vielen?

Gründet ein Staatenbund nicht auf Demokratie und Toleranz, gründet er also nicht auf Übereinkunft, bleibt demgegenüber nur die Dominanz eines Mitgliedsstaates, um eine gemeinsame Linie zu finden, wobei diese dann natürlich eher auf einer Vorgabe denn auf Verständigung beruht. Vielleicht ist es deshalb kein Zufall, dass einer Orientierung an Grundwerten im Osten mit mehr Skepsis begegnet wird, trägt man dort doch die Dominanz der Sowjetunionen ebenso im kollektiven Gedächtnis wie das Schicksal sozialistischer Grundwerte. Letztere behielten nicht nur stets utopischen Charakter, sondern wurden zudem oft genug dazu genutzt, realpolitische Beweggründe notdürftig zu kaschieren. Wer im Osten an die Gültigkeit sozialistischer Grundsätze glaubte, galt zweifellos als naiv. Vor dem Hintergrund einer solchen Erfahrung mag es tatsächlich schwer fallen, Prinzipien jedweder Art für relevant zu erachten. Das politische Überleben war von ihnen schlicht nicht abhängig, sie erfüllten lediglich eine Feigenblattfunktion.

Krastev nimmt häufig Bezug auf seine bulgarisch geprägte Biographie und auch in dieser dürften sich im politischen Umfeld Grundwerte allzu oft entweder als vorgeschoben oder als unerreichbar erwiesen haben. Genau dem scheint auch sein Bild von Demokratie und Toleranz zu entsprechen. Für ihn handelt es sich dabei um Idealismus ohne realpolitische Wirkmächtigkeit: Schöne Ideen, aber unrealistisch!

Gerade in einer Demokratie können Grundwerte jedoch mehr sein als lebensfremde Wunschvorstellungen, vielmehr entfalten sie realpolitische Relevanz, insofern sie beim Wähler Unterstützung finden. Dahinter müssen keineswegs bloß idealistische Hirngespinste stehen, sondern die Bürger dürfen sich dadurch die Stärkung eigener Interessen versprechen. Demokratie ermöglicht mehr Einfluss auf politische Entscheidungen und Toleranz größere Unabhängigkeit bei der Wahl des eigenen Lebensstils.

So lange die Macht in den Händen von wenigen Mächtigen liegt, verkommt jede Rede von Grundwerten zu einem macchiavellistischen Manöver, hinter dem sich die Verfolgung davon unabhängiger Interessen verbirgt. Erst wenn die Macht in den Händen der Vielen liegt, richtet sich das Interesse auf die Grundwerte selbst, da damit deren Machterhalt verknüpft ist. Nicht aufgrund einer wie auch immer gearteten moralischen Bedeutsamkeit gewinnen Prinzipien dann Wirkmächtigkeit, sondern weil sie von den Bürgern eingefordert werden, die darin wiederum die Voraussetzung für ihre eigenen politische Partizipation erkennen.

Geburtsfehler oder Grundlage der EU?

Wer es nun für einen Geburtsfehler der EU hält, dass sie Kooperation an bestimmte Voraussetzungen knüpft, äußert damit nicht so sehr Zweifel an ihrer Zukunftsfähigkeit, sondern vielmehr an ihrem Wesenskern und ihrer Geschichte. Immerhin hat man sich von ihrer Gründung versprochen, dass sie Völker einander näher bringt, die sich zuvor in zwei Weltkriegen unerbittlich bekämpft hatten. Sie wurde nicht zuletzt geschaffen, um den Frieden zu wahren; und von diesem Geist wurde auch die Osterweiterung ein gutes Stück mitgetragen.

Indem er diese Grundlagen für entbehrlich hält, reduziert Krastev die EU zum reinen Selbstzweck. Ihn kümmern keine konkreten Inhalte, sondern allein die Bestandserhaltung. Damit tritt er mit Wahrnehmungskategorien an sie heran, die der Denkschule des politischen Realismus entspringen. Während dieser allerdings lediglich davon ausgeht, in zwischenstaatlichen Verhältnissen einzelne Nationalstaaten als nutzenoptimierende, einheitliche Akteure auffassen zu können, wendet Krastev dieselben Kategorien auf die EU an, als könnte sie ebenso als Einheit behandelt werden. Der Staatenbund erscheint bei ihm als eigenständiger Akteur, der dem Interesse folgt, seinen Bestand zu erhalten und seine Macht womöglich auszubauen.

Mehr noch als bei Nationalstaaten aber werden bei einem Staatenbund die Grenzen eines solchen Blickwinkels deutlich. Die EU prägt ein kontinuierlicher Verhandlungsprozess ihrer Mitgliedsstaaten, aus dem bestenfalls resultiert, dass sie als Akteur auftreten kann, oft genug aber ihre Uneinheitlichkeit deutlich wird. Die EU kennt kein intrinsisches Interesse, sondern vertritt stets nur das Verhandlungsergebnis ihrer Mitglieder. Von diesen ist allerdings nicht selten eine Machterweiterung der EU gar nicht gewünscht. Ein eigenes Interesse können allenfalls die EU-Behörden verfolgen, was allerdings bei Mitgliedstaaten und Bürgern gleichermaßen zu Misstrauen führt, sobald dies auch nur greifbar wird.

Geschichtsvergessenheit des politischen Realismus

Folgte man Krastev, stünde der EU ihr Idealismus im Weg. Damit verwechselt er jedoch eine weltfremde Sehnsucht nach hehren Zielen mit einer aus zwei Weltkriegen gewonnenen Befürchtung, dass ohne Demokratie und Toleranz der nächste kriegerische Konflikt nur eine Frage der Zeit sein dürfte. In bester Tradition des politischen Realismus betrachtet Krastev nur gegenwärtig vorliegende Interessen und leitet daraus ab, dass es für die EU als Institution aktuell womöglich besser wäre, von grundlegenden Prinzipien abzurücken, um ihre Macht zu erhalten. Kurzfristig mag das richtig sein, dass man damit aber mittelfristig die Grundlage der Gemeinschaft zerstört, liegt außerhalb der Reichweite eines solch gegenwartsfixierten Nutzenkalküls.

Generell entzieht sich dem politischen Realismus jegliches Beharren auf Prinzipien, sobald deren Verfolgung sich mühevoll gestaltet und sich daraus kein unmittelbarer machtpolitischer Nutzen ableiten lässt. Das liegt aber weniger an den jeweiligen Prinzipien als vielmehr an ihm selbst. Indem der politische Realismus alles der Macht und ihrem Erhalt unterordnet, erkennt er keine anderen Kriterien an. Auf dem Alter des Machtstrebens, und sei dieses noch so kurzfristig, muss im Zweifel jedes Prinzip geopfert werden und sei dieses langfristig noch so vielversprechend.

Einem solchen Blickwinkel bleibt verborgen, dass sich die EU auf diesem Weg nicht retten lässt. In dem Maße, wie sie sich von den Bürgern abwendet, werden sich diese auch von ihr abwenden und werden das in den nationalen Wahlen zum Ausdruck bringen, eben weil Demokratie nicht Ziel, sondern bereits vorhanden ist. Wie soll die EU da Bestand haben?

Schon heute führt Bürgerferne zu einem Verdruss, der EU-skeptischen Parteien europaweit großen Zulauf verschafft. Nicht zu viel Demokratie hat die gegenwärtige Ablehnung der Brüsseler Bürokratie heraufbeschworen, sondern dass die demokratische Legitimation von Entscheidungen im dortigen Institutionengewirr bis zur Unkenntlichkeit verzerrt wird.

Verdruss aber lässt sich nicht machtpolitisch erklären, sondern ergibt sich aus freiheitlichen Prinzipien. Deren soziale Kraft bleibt dem Realisten Krastev aber verschlossen. Er kann nicht verstehen, weshalb man an Grundwerten und Zielen festhalten sollte, die nicht unmittelbaren Machtgewinn oder zumindest Machterhalt versprechen. Eigentlich lässt eine solche Denkweise überhaupt keine Ziele zu, sondern folgt lediglich blind der Mechanik des machtpolitischen Nutzenkalküls. Man kann daraus zwar für die Interaktion sowohl unter Individuen als auch unter Staaten mögliche Erwartungen für unmittelbar bevorstehendes Verhalten ableiten, nicht jedoch längerfristige Motive. Das Streben nach Machterhalt mag Lenins Abkehr von jenen sozialistischen Prinzipien erklären, die er selbst vor der Revolution noch hochgehalten hatte, nicht jedoch, wie es überhaupt zur Revolution kommen konnte.

Fördert der Liberalismus Migration?

Krastevs Blick geht über die EU hinaus. Nicht nur innerhalb ihrer Grenzen, sondern auch außerhalb setzt sie seiner Ansicht nach auf eine Entwicklung hin zu mehr Demokratie und Toleranz. Zweifelsohne würde man aus europäischer Sicht demokratische Tendenzen weltweit begrüßen. Allerdings bildete sie von Beginn an vor allem ein bewusstes Gegengewicht zu den undemokratischen Systemen, wie sie damals auch in Europa noch zahlreich waren. Wenn schon versteht sich die EU nicht als Wette auf eine demokratische Zukunft, sondern als Bollwerk gegen Diktaturen.

Krastevs Kritik am naiven Idealismus richtet sich aber offenbar ohnehin weniger gegen die EU allein, sondern gegen den Liberalismus insgesamt. Er bemängelt, dass dieser die Verwirklichung seiner Prinzipien stets nur auf nationaler Ebene angestrebt und die Problematik globaler Realisierbarkeit ausgeblendet habe:

„Der Widerspruch zwischen dem universellen Charakter der Menschenrechte und ihrer Ausübung im nationalen Kontext bildet den Kern der aktuellen Krise der Linken angesichts des Flüchtlingsstroms.“ (S. 41)

„Entweder die Menschen genießen absolute Freiheit bei der Suche nach Arbeitsplätzen und einem höheren Lebensstandard, oder die gewaltigen wirtschaftlichen und politischen Unterschiede zwischen den Staaten verschwinden, so dass die Menschen ihre universellen Rechte überall in gleicher Weise genießen können. Keins von beidem wird so bald geschehen – wenn denn überhaupt jemals. […] Heute gibt es in der Welt zahlreiche scheiternde oder gescheiterte Staaten, in denen niemand leben und arbeiten möchte, und Europa ist weder in der Lage noch bereit, offene Grenzen zuzulassen.
Die Migrationskrise konfrontiert den Liberalismus mit einem für seine Philosophie zentralen Widerspruch. Wie lassen sich unsere universellen Rechte mit der Tatsache vereinbaren, dass wir sie als Bürger ungleich freier und wohlhabender Gesellschaften genießen?“ (S. 36f)

Krastev stellt einen Zusammenhang zwischen dem universalistischen Liberalismus und Migrationsbewegungen her. Es klingt, als hätten wir die gegenwärtigen Probleme, weil wir an liberalen Prinzipien festhalten. Es klingt, als würden die Flüchtlinge nicht kommen, wenn wir für Menschenrechte keine Universalität beanspruchten. Es klingt, als könnte man Europas Wohlstand seiner Anziehungskraft berauben, indem man sich nur weniger liberal gibt.

Gerade aus der Perspektive eines politischen Realismus, der immerhin „Interessen“ (Morgenthau: Macht und Frieden, S. 51) für ausschlaggebend hält, sollte eigentlich nachvollziehbar sein, dass Lebenschancen immer anziehend wirken, ganz unabhängig davon mit welchen Grundwerten diese verbunden sind. Viele wenig erbauliche Dinge gibt es nur deshalb, weil Menschen damit ihren Lebensunterhalt bestreiten können oder sogar müssen oder sich davon Reichtum versprechen. So lange es Ungleichgewichte gibt, wird Wohlstand immer anziehend wirken.

Allein die Preisgabe des Liberalismus dürfte die materielle Anziehungskraft Europas deshalb nicht verringern, sie würde lediglich die Lebensqualität innerhalb Europas einschränken: Weniger Freizügigkeit, weniger Rechtsstaatlichkeit, weniger Freiheitsrechte und weniger Konsequenz bei den Menschenrechten würde die Europäer mancher Errungenschaft berauben, während sie einigen Flüchtlingen sogar entgegen käme. Autoritäre Regime gewohnt, sorgen hiesige Vielfalt und individuelle Freiheit doch gerade bei Migranten teilweise zu nicht unerheblichen Irritationen.

Folgte man Krastev, so sollen wir nun innerhalb Europas unsere liberale Lebenswelt aufgeben, weil wir nicht imstande sind, die ganze Menschheit daran teilhaben zu lassen. Wir sollen die Grundidee universeller Menschenrechte aufgeben, weil Europa nicht in der Lage ist, sie weltweit zu garantieren. Wir sollen von Rechtsstaatlichkeit absehen, weil wir sie nicht global zu etablieren vermögen. Wir sollen von Freizügigkeit innerhalb Europas absehen, weil wir keinen freien Zuzug ermöglichen.

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie?

Nun ist die Idee des Liberalismus allerdings nicht von derjenigen der Selbstbestimmung zu trennen, wonach die Menschen selbst darüber bestimmen können sollen, wie sie zusammen leben wollen. In Demokratien wird genau das angestrebt. Man kann darüber streiten, inwiefern das in ihrer heutigen republikanischen Ausprägung der Fall ist, aber ihrem Anspruch nach zielt sie darauf (vgl. Niedermaier: Wozu Demokratie?).

Demokratische Länder haben ihren Liberalismus selbst gewählt und sie halten niemanden davon ab, ihnen nachzueifern. Nicht sie sind es, die genau das in anderen Ländern verhindern, sondern es sind diejenigen, die den europäischen Liberalismus verachten; es sind diejenigen, die als gelehrige Schüler des politischen Realismus der Macht folgen, statt der Bevölkerung Selbstbestimmung zuzugestehen.

Die Grenzen der Liberalität

Wenn Krastev den Liberalismus als widersprüchlich kritisiert, fokussiert er auf den Vorwurf, dass die EU Menschenrechte nur auf ihrem Territorium gewähre und den Zutritt dazu beschränke:

„Der Widerspruch zwischen dem universellen Charakter der Menschenrechte und ihrer Ausübung im nationalen Kontext bildet den Kern der aktuellen Krise der Linken angesichts des Flüchtlingsstroms.“ (S. 41)

Nun ist es eine Selbstverständlichkeit, dass Rechte nur für das Territorium jener Staaten gelten, die sie gewähren. Immer wieder wurde es deshalb Staaten vorgeworfen, wenn sie die Menschenrechte nicht respektierten – und zwar von denjenigen Staaten, die ihrerseits davon überzeugt waren, dass sie es taten, was sie zudem als Ausweis ihrer Fortschrittlichkeit ansahen. Man hat die jeweilige Regierung dafür verantwortlich gemacht, dass nicht alle Menschen Grundrechte genießen. So lange es keine großen Flüchtlingsströme in Richtung dieser selbsternannten fortschrittlichen Länder gab, trug diese Logik.

Nun aber macht Krastev umgekehrt den liberalen Staaten den Vorwurf, dass sie es sind, die nicht die Menschenrechte respektieren – und zwar diejenigen, aller Menschen außerhalb ihres Territoriums. Die Logik dahinter lautet: Wenn Menschenrechte für alle gelten, aber nicht überall respektiert werden, muss es auch ein Recht geben, dorthin zu gehen, wo sie respektiert werden. So gewendet wird es streng genommen zu einem Argument dafür, Migranten weniger Steine in den Weg zu legen. Als Anhänger des politischen Realismus sieht Krastev jedoch genau darin eine Gefahr für Europa, was ihn zur umgekehrten Schlussfolgerung führt, den liberalen Anspruch auf unversale Gültigkeit der Menschenrechte infrage zu stellen.

Tatsächlich kann es kein konsequent liberales Argument gegen Migration geben, sondern dieses muss immer ein realpolitisches bleiben, sofern man unter Liberalismus die Garantie individueller Freiheiten versteht. So wenig unter dieser Maßgabe die Freizügigkeit innerhalb eines Territoriums eingeschränkt werden kann, so wenig kann man dies mit gleicher Argumentation auf globaler Ebene. Wer immer die Bewegungsfreiheit des Einzelnen einschränkt, kann nicht behaupten, dass dies im Dienste individueller Liberalität geschehe. Wer immer die Errichtung von Grenzen und Zäunen betreibt, tut dies aus einem realpolitischen Streben nach Abgrenzung, nach Erhalt der Machtverhältnisse.

Wer konsequent für individuelle Liberalität eintritt, muss sich für die Aufhebung aller Grenzen für die volle Freizügigkeit aller Menschen einsetzen. In diesem Punkt ist Krastev nicht zu widersprechen. Doch wer ungeingeschränkte Entfaltung für das Individuum fordert, könnte für die Abschaffung aller Regeln und Rechte eintreten. Das Verbot, Gewalt gegen andere auszuüben oder sie zu töten, schränkt die individuelle Entfaltung ebenfalls ein. Das Recht auf Eigentum entzieht allen anderen genau das, was ich besitze, und schränkt damit deren Freiheit ein, es in ihren Besitz zu nehmen. Das Recht auf Leben schränkt die freie Verfügung anderer über ihre Ressourcen ein, sofern sie dazu verpflichtet sind, Notleidende von ihren Mitteln zu unterstützen, um deren Überleben zu sichern. Ein konsequent am Individuum orientierter Liberalismus kennt nur ein Recht: Jeder kann tun und lassen, wonach ihm der Sinn steht, und niemand darf ihn dabei einschränken.

Thomas Hobbes: Leviathan

Thomas Hobbes: Leviathan

Der Grundsatz, dass meine Freiheit dort ende, wo die des anderen beginnt, folgt keinem liberalen Prinzip, sondern schränkt dieses ein, weil jeder radikal verfolgte Liberalismus zerstört, wonach er strebt. Uneingeschränkte individuelle Liberalität führt nicht zu Freiheit für alle, sondern zu Angst und Unterwerfung, denn wenn der individuellen Willkür keine Grenzen gesetzt werden, tritt der von Thomas Hobbes gefürchtete Zustand ein, „der Krieg eines jeden gegen jeden.“ (Hobbes: Leviathan, S. 96)

Der Schutz des Eigentums

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten

Wer nun diesen selbstmörderischen Liberalismus einschränken will, muss auf andere denn liberale Prinzipien zurückgreifen. Der Kantsche Grundsatz, wonach zu überlegen sei, was als allgemeines Gesetz gelten könne, hilft nicht weiter, weil grundsätzlich alles gelten könnte. (vgl. Kant: Die Metaphysik der Sitten, S. 337; B34) Man könnte Mord und Totschlag ebenso gelten lassen, wie man unter Hinweis auf Eigentum Hungernden Nahrung verweigern könnte. Der Liberalismus kennt keine Gesetze. Deshalb erscheinen die Ziele des politischen Liberalismus willkürlich: Auf welcher Grundlage kann man den Schutz des Eigentums anstreben oder den Schutz vor Ausbeutung verweigern? Auf welcher Grundlage kann man die Deckung der Grundbedürfnisse (auf Kosten des Eigentums anderer) zugestehen, aber ein Recht auf die Möglichkeit, aus eigener Arbeit sein Auskommen zu sichern, verweigern?

Der Liberalismus kennt dafür keine Prinzipien, sondern setzt die Regeln willkürlich. Im 19. Jahrhundert sah er das Elend der Ärmsten nicht nur als vertretbar, sondern im Gefolge von Thomas Malthus geradezu als sinnvoll an, im 20. gesteht er dagegen Wohlfahrt zu. Die einzige Konstante ist die Sicherung des Eigentums oder mehr sogar noch der Schutz der Wohlhabenden. Dahinter steckt keine liberale Logik, sondern eine realpolitische.

Es ist eben dieser realpolitische Anspruch auf Schutz des Eigentums, der auch die Grundlage für die Abschottung jeglichen Territoriums vor dem Zugriff anderer bildet. Das gilt für den eigenen Garten ebenso wie für ein Staatsgebiet.

Mehr noch als ein liberales ist das Dilemma, das Krastev anspricht, ein demokratisches. An den Grenzen der EU stößt das Prinzip individueller Selbstbestimmung auf das Prinzip kollektiver Selbstbestimmung. Im Zuge demokratischer Selbstbestimmung verweigern die EU-Staaten Einreisewilligen ihre individuelle Selbstbestimmung.

Es ist jene Demokratie, die Krastev für eine Gefahr ansieht, die jenen realpolitischen Maximen folgt, die er selbst hochhält: Die Verfolgung der eigenen Interessen und der Erhalt des Bestehenden. Was er betreibt ist eine babylonische Verwirrung der Begriffe.

Das ungelöste Problem ist und bleibt die Vermittlung von individueller und kollektiver Selbstbestimmung. Man mag bemängeln, dass Demokratie nationalstaatlich organisiert ist und, dass viele realpolitische Autokraten sie verhindern. Ob es angesichts des heutigen Selbstverständnisses aber eine Alternative zur Demokratie gibt, darf bezweifelt werden, zumal sich die Eliten nicht als bessere Wegweiser erwiesen haben. Zur Gefahr wurde Demokratie immer dann, wenn sie nicht global gedacht wurde, sondern in nationalstaatlicher Abgrenzung, wenn der Nachbar als Feind gesehen wurde. Genau das aber ist es, wohin ein politischer Realismus führt, wenn er stets blind aktuellen nationalstaatlichen Interessen folgt; und genau das ist, was die EU ihrem ursprünglichen Geiste nach verhindern sollte.

Eine Realist jedenfalls kann keine anderen Ziele anstreben außer stets nur nach Bestandserhaltung und Machterweiterung zu streben. Wo aber stünden wir als Menschen, wenn wir nie nach Höherem streben würden?

 

Thomas Hobbes: Leviathan oder Stoff, Form und Gewalt eines kirchlichen und bürgerlichen Staates; Frankfurt am Main 1966.

Immanuel Kant: Die Metaphysik der Sitten; Frankfurt am Main 1977.

Ivan Krastev: Europadämmerung. Ein Essay; Frankfurt am Main 2017.

Hans J. Morgenthau: Macht und Frieden. Grundlegung einer Theorie der internationalen Politik; Gütersloh 1963.

Hubertus Niedermaier: Wozu Demokratie? Politische Philosophie im Spiegel ihrer Zeit; Konstanz und München 2017.

Zum Teil 1: Déjà vu

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