Bitte alles aussteigen, diese S-Bahn wendet!

Pünktlichkeit ist nicht die Lösung, sondern das Problem

Die S-Bahn München ist zu außergewöhnlichen Leistungen imstande. Dass sie sich auf einer dreißig Kilometer langen Strecke über sechzig Minuten Verspätung einzuhandeln vermag, weiß jeder, der auch nur halbwegs regelmäßig S-Bahn fährt. Die Gründe dafür sind bekannt: Notarzteinsatz, Signal- oder Weichenstörung lauten die Stichworte. Schafft die S-Bahn das auch, wenn die Strecke frei ist? Um die Aufgabe nicht zu einfach zu machen, starten wir am Ostbahnhof, denn daran grenzt das Betriebswerk Steinhausen und dort warten die S-Bahnen auf ihren Einsatz. Doch auch diese Herausforderung bewältigt der MVV mit Bravour, wie er am 24.09.2013 unter Beweis gestellt hat:

Ostbahnhof, 17.54 Uhr: Das ist die planmäßige Abfahrtszeit der S3 Holzkirchen. Auf der Anzeige der nächsten Zugabfahrten wird aber nicht eine S-Bahn nach Holzkirchen angekündigt, dafür gleich mehrere nach Deisenhofen, was drei Stationen davor liegt. Eine Durchsage, die sich um Aufklärung bemühen würde, bleibt aus.

Ostbahnhof, 18.00 Uhr: Die Ankündigungen der S-Bahnen nach Deisenhofen werden gelöscht, dafür wird nun ein Zug nach Holzkirchen in 20 Minuten in Aussicht gestellt.

Ostbahnhof, 18.20 Uhr: Die S3 Holzkirchen lässt weiter auf sich warten. In gleichlautenden Durchsagen ist allgemein von Verspätungen wegen einer Signalstörung auf der Stammstrecke in der Innenstadt die Rede. Aber die Strecke nach Holzkirchen ist frei und die zum Betriebswerk auch. Lässt sich dort denn keine S-Bahn mehr auftreiben? Der Bahnsteig ist mittlerweile jedenfalls gut gefüllt.

Ostbahnhof, 18.30 Uhr: Die angekündigte S3 Holzkirchen trifft ein, allerdings bereits völlig überfüllt. Die Wartenden lassen sich dadurch aber noch lange nicht die Laune verderben, schließlich sind genug erfahrene S-Bahn-Fahrer darunter, die ohnehin mit nichts anderem gerechnet hatten. Mit sportlichem Ehrgeiz und bester Kooperation werden alle verfügbaren Hohlräume der S-Bahn, ähnlich wie der PKW-Kofferraum beim Familienurlaub, mit Fahrgästen gefüllt und kollektiv auf flache Atmung zur Schonung der knappen Sauerstoff-Reserven umgestellt.

Deisenhofen, 18.55 Uhr: Aufgrund der Verspätung müsse die S-Bahn in Deisenhofen wenden, sagt der Lokführer per Durchsage nach gut zwanzig Minuten Fahrt in dichtem Gedränge. Doch die S-Bahn Richtung Holzkirchen käme in sechs Minuten. Einige unerfahrene Fahrgäste geben sich Wutausbrüchen hin, aber echte S-Bahn-Veteranen können sie mit bestechender S-Bahn-Logik beruhigen: Wenn die S-Bahn nun in Deisenhofen wendet und zurückfährt anstatt den freien Gleisen zum Zielort hunderter Fahrgäste zu folgen, dann kann sie sich wieder irgendwo im Fahrplan einreihen und schon ist sie wieder pünktlich! Es gibt zwar niemanden der darauf wartet Richtung Innenstadt aufzubrechen, weil erst kurz zuvor eine unpünktliche S-Bahn dorthin losgefahren ist. Aber was soll’s? Es geht ums Prinzip! Und dafür müssen nunmal ein paar hundert Fahrgäste ein Opfer bringen und aussteigen, obwohl die S-Bahn ebensogut hätte weiterfahren können. Ältere Fahrgäste berichten, dass vor 25 Jahren tatsächlich die Prioritäten noch andersherum gesetzt worden sind. Daraufhin liegen sich die Wartenden weinend (selbstredend vor Glück) in den Armen, froh darüber, dass diese barbarische Zeit vorüber ist und sie durch ihr Warten ihren Beitrag zu einem modernen Bahn-Unternehmen leisten können, wo S-Bahnen pünktlich (wenn auch leer) verkehren. Dafür wartet man doch gerne!

Deisenhofen, 19.05 Uhr: Die S-Bahn Richtung Innenstadt, wegen deren dringendem Wendemanöver aussteigen mussten, steht seit zehn Minuten unverändert am Bahnsteig. Am Nebengleis fährt eine zweite S-Bahn aus der Stadt kommend ein, um kurz darauf auf dem Abstellgleis neben zwei anderen S-Bahnen den verdienten Feierabend zu genießen. All diejenigen Fahrgäste, die nicht gerade damit beschäftigt sind, schreiende Säuglinge zu trösten oder laut brüllend ihre Freude zum Ausdruck zu bringen, dass auch beim Feierabend der S-Bahn die Pünktlichkeit zu ihrem Recht kommt, versuchen den Wies’n-Besuchern aus allen Herrenländern die überlegene Modernität unseres MVV zu vermitteln. Doch die ratlosen Gesichter all dieser Dahergelaufenen machen deutlich, dass die kulturelle Überlegenheit der oberbayerischen Prioritätensetzung für Angehörige dieser einfältigen Völker nicht zu fassen ist.

Deisenhofen, 19.10 Uhr: Eine der S-Bahnen fährt vom Abstellgleis auf Gleis 3 ein, um unter großem Jubelgeschrei gähnend leer, aber immerhin pünktlich als S27 Richtung Pasing ans andere Ende der Stadt zu fahren. Auf dem überfüllten Bahnsteig kommt es aufgrund der aufgewühlten Stimmung zu ersten Nervenzusammenbrüchen.

Deisenhofen, 19.15 Uhr: Die S-Bahn, für deren dringendes Wendemanöver vor zwanzig Minuten mehrere hundert Menschen aussteigen mussten und nun auf dem Bahnsteig biwakieren, fährt Richtung Innenstadt ab. Über die kleine Randnotiz, dass sie es in der Zeit auch nach Holzkirchen und zurück geschafft hätte, verliert freilich kein modernitätsbewusster Wartender auch nur ein Wort. Eine Durchsage spricht davon, dass es zu Verspätungen bis zu dreißig Minuten kommen könne. Eine andere berichtet, dass die S3 Holzkirchen um 18.33 Uhr entfällt.  Während die prinzipienlosen Wies’ngäste sich von solcherlei Durchsagen verschaukelt fühlen, nur weil sie nun insgesamt eine Stunde warten, rufen die Einheimischen: Richtig so! Aus Kostengründen kann man auch die unpassenden Durchsagen der Stammstreckensperrung von letzter Woche wiederverwerten. Und überhaupt: Der schlechte Ruf im Ausland resultiert auch nur aus der Unverständigkeit unseren modernen Prinzipien gegenüber.

Deisenhofen, 19.20 Uhr: Es trifft eine S3 Holzkirchen ein. Nach dem Zusteigen stellt sich sogleich das gewohnte wohlige Gedränge ein. Aber das nimmt man gerne in Kauf, wenn dafür die S-Bahnen auf dem Abstellgleis exakt pünktlich in den Feierabend geschickt werden konnten.

Holzkirchen, 19.30 Uhr: Als ich meinen Zielort erreiche, muss ich feststellen, dass mein Termin gelaufen ist. Ich mache mich auf den Weg nach hause – mit der S-Bahn!

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