Wozu eine Petition gegen Markus Lanz?

Hoppla, was ist denn jetzt passiert? Kommentatoren des Spiegel, der Zeit, der taz und des Stern vertreten bei einem Thema die gleiche Position. Und als wäre das nicht kurios genug, echauffieren sie sich zudem derart, dass sie darüber ganz vergessen, wie beinahe jedes Argument, das sie vorbringen, ebensogut gegen sie selbst gewendet werden könnte?

Worum geht es? Der ZDF-Moderator Markus Lanz hat in seiner Sendung die linke Politikerin Sahra Wagenknecht in einer ebenso intellektuell hilflosen wie das Thema verfehlenden Stakkato-Interviewtechnik befragt, ohne Antworten auf seine Fragen zuzulassen. Woraufhin es eine frustrierte Zuschauerin gewagt hat, eine Petition zur Absetzung von Markus Lanz beim öffentlich-rechtlichen Sender zu initiieren, um eine Wiederholung des unwürdigen Schauspiels zu verhindern.

Warum empören sich Journalisten über empörte Fernseh-Zuschauer?

Nachdem mittlerweile weit mehr als 100.000 Bürger die Petition unterstützen, sehen sich nun alle großen Nachrichtenmagazine plötzlich in der Pflicht, diesen Vorgang zu kommentieren. Wobei der Tenor über alle Redaktionen hinweg lautet: Was fällt denn den Bürgern ein, öffentliche Ereignisse zu kommentieren, das ist schließlich unser Hoheitsgebiet! Die Presse empört sich über die Empörten – und vergisst dabei, ihr eigenes Tun zu reflektieren.

So fragt Christoph Sydow vom Spiegel: „Seit wann darf ein Journalist nicht mehr kritisch nachfragen?“ Ohne aber zu fragen: Seit wann dürfen Zuschauer TV-Sendungen und zumal Talk-Shows nicht mehr kritisch hinterfragen? Journalisten tun das schließlich Woche für Woche. Danach verweist Sydow noch darauf, dass die Zuschauer doch einfach nur umschalten müssten und schon würde in Folge einer sinkenden Einschaltquote die Sendung abgesetzt. Für Lanz lässt Sydow somit die Höhe der Einschaltquote als Zustimmung gelten. Bei einer Petition aber kann er die hohe Zahl der Unterstützer nicht akzeptieren, obwohl doch auch sie nichts anderes als die Zustimmung zum Ausdruck bringt. Dabei bräuchte er sie nach seiner eigenen Logik ja lediglich nicht zu unterstützen und schon würde die Petition in der Bedeutungslosigkeit verschwinden!

David Hugendick von der Zeit vergleicht das Anliegen der Unzufriedenen gar mit dem antiken Scherbengericht, das für die Verurteilten zehn Jahre Verbannung oder den Tod bedeutete. Eine Petition, die sich nicht gegen einen Sachverhalt, sondern gegen eine Person richtet, sei undemokratisch. Damit sitzt Hugendick allerdings einer Fehlinterpretation auf. Niemand will Lanz an den Kragen, die Petitionszeichner wollen lediglich nicht ihre Rundfunkgebühren für ein solches Sendeformat verwendet wissen. Anders als die selbsternannten Vertreter der Meinungsfreiheit von den großen Zeitungen, haben Normalbürger kaum Möglichkeiten ihre Anliegen zu artikulieren. Wie demokratisch dieses ungleiche Verhältnis von Journalisten zu all den anderen ist, hat Hugendick leider nicht hinterfragt.

Dem selben Trugschluss sitzt auch Klaus Raab von der taz auf, wenn er bemängelt, dass die Petition keine Verbesserungsvorschläge macht und den Sachverhalt unzulässig auf die Frage verkürzt: „Lanz, ja oder nein?“ Nun, es liegt in der Natur der Sache, dass Petitionen keine Zwischenstufen zulassen und der Posten des Intendanten beim ZDF ist schon vergeben. Eine differenzierte Kommentierung von Talk-Shows würde überhaupt nur zur Kenntnis genommen werden, wenn sie in jenen auflagenstarken Medien erfolgte, die gerade damit beschäftigt sind, sich darüber zu ärgern, dass einfache Bürger sich auf einmal vielstimmig zu Wort melden.

Kommt es zum Kurzschluss, wenn man sich selbst kommentiert?

Bleibt noch Hans-Ulrich Jörges vom Stern zu erwähnen, der sich nicht zu schade ist, eine Sendung zu kommentieren, an der er selbst teilgenommen hat. Statt mit journalistischer Neugierde der Frage nachzugehen, warum der von ihm mit Eifer mitgetragene Diskussionsstil in der Lanz-Sendung von vielen kritisch gesehen wird, sieht er eine Weltverschwörung gegen seinen vermeintlich über jeden Zweifel erhabenen Journalismus: „Es geht um eine Tabuisierung einer kritischen Auseinandersetzung mit Sahra Wagenknecht“ unterstellt er den Unterzeichnern der Petition, um gleich darauf eine Darlegung seiner Weltsicht mit dem autosuggestiven Mantra abzuschließen: „Die Wahrheit ist die Wahrheit ist die Wahrheit.“ Dass aber gerade seine erneut vorgebrachte Verteufelung von Sahra Wagenknecht und die Ignoranz unliebsamer Meinungen durch die großen Medienhäuser von vielen Menschen als Tabuisierung empfunden wird, übersieht er dabei völlig.

Dass genau dieses eigenartig trotzige und homogene Verhalten über alle Redaktionsgrenzen hinweg eine solche Petition zusätzlich befeuert, sehen auch seine Kollegen nicht. Ist das jetzt immer noch der alte Abwehrreflex gegen Rückmeldungen des Publikums? Haben die Journalisten immer noch nicht verwunden, dass mit Einzug des Internets ihr Privileg auf öffentliche Meinungsäußerung abhanden gekommen ist? Das Publikum muss nicht mehr passiv jede Form des Journalismus hinnehmen. Das hat sich schon mit Foren, Blogs und Twitter geändert und erhält mit dem Bündelungseffekt von Petitionen nun zusätzliches Gewicht.

Die Klage darüber, dass die Petition Lanz‘ Arbeitsplatz in Frage stellt, übersieht, dass eine sinkende Einschaltquote auch keinen anderen Effekt hat, wie man an den Diskussionen um „Wetten dass…?“ erkennen kann. Neu ist nicht, dass Jobs in der Medienbranche vom Zuspruch des Publikums abhängen, sondern lediglich, dass sich das Publikum neuerdings zu Wort meldet und nicht mehr jede Form von Journalismus kommentarlos ertragen muss.

Wer die zahlreiche Zustimmung zur Petition gegen Lanz‘ journalistischen Stil als Lynchjustiz wertet, muss auch die Einschaltquote als tägliches Scharfgericht bezeichnen. Hier werden die formalen Rahmenbedingungen wissentlich falsch dargestellt und damit unzulässig dramatisiert. Die Menschen haben keinerlei Einflussmöglichkeiten auf die Verwendung ihrer Rundfunkgebühren und wenn sie einen Notbehelf zur Artikulation ihres Unbehagens nutzen, dann will manch vorlauter Journalist ihnen am liebsten den Mund verbieten, ohne darüber nachzudenken, ob er hier nicht seine privilegierte Position in der Öffentlichkeit missbraucht und sich nicht das herausnimmt, was er dem Normalbürger verwehrt. Wäre es da nicht besser, er würde in der Zwischenzeit zu Zusammensetzung und Einflussnahme durch den Fernsehrat beim ZDF recherchieren?

 

5 Gedanken zu „Wozu eine Petition gegen Markus Lanz?

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  2. Es ist wirklich beängstigend zu sehen,dass sich wirklich ALLE Printmedien darauf geeinigt haben,die Petition lächerlich zu machen,als Fake darzustellen,die Unterzeichner als Pöbel und Mob zu bezeichnen.
    Die Bedeutung dieser Petition hat eine neue Dimension erreicht–unsere Medien entlarven sich selbst.Die vierte Gewalt bestimmt,was wir zu denken haben.

    Den einzigen objektiven Bericht fand ich bei Spiegel-Online -Kultur von GEORG DIEZ.

    • Ja, das Ausmaß der Konformität angesichts der Petition ist wirklich verblüffend. Georg Diez ist der Einzige, der die Ursache für die vielzählige Zustimmung zur Petition hinterfrägt und das Ganze in einen größeren Kontext stellt. Während andere auf die Personen Lanz vs. Wagenknecht reduzieren und über das Internet nur zu denken imstande scheinen, dass man dort mit Mobbing Zehntausende mobilisieren kann, hat Diez begriffen, dass für viele der allgegenwärtige, massenmediale Konformismus unerträglich wird, wenn er derart aggressiv und dogmatisch wie bei Lanz und Jörges auftritt.
      Dass aber auch professionelle Journalisten diese Art Journalismus nicht ertragen, wenn sie Kastendenken und vorauseilenden Gehorsam abgelegt haben, sieht man an Stefan Niggemeier. Wenn schon Niggemeier sein Abschalten der Sendung ein eigener Blogeintrag wert ist, dann sollten doch auch andere Journalisten nachvollziehen können, dass viele Menschen nicht den selben Aufwand erbringen können oder wollen und ihre ähnliche Stimmungslage anders zum Ausdruck bringen.

      • Die Bürger sollen sich doch nicht größer machen als sie sind, schreibt nun Jan Fleischhauer vom Spiegel. Es scheint vielen Journalisten der großen Blätter wirklich Schwierigkeiten zu bereiten, wenn sich ihre Mitbürger einfach nicht an die von ihnen definierten Kommunikationskanäle halten wollen. Wobei diese vorgesehenen Kommunikationskanäle freilich über die Redaktionen der großen Blätter führen und man dann unliebsame Äußerungen einfach ignorieren kann. So lange es keine andere Publikationsmöglichkeit gab, war das sehr bequem. Nun nehmen es sich die Bürger einfach heraus, an den Redaktionen vorbei sich eine eigene Meinung zu bilden und nicht nachzufragen, ob From und Inhalt denn den etablierten Journalisten genehm sind. Nun dürfen sich die Bürger vorhalten lassen, dass sie für sich reklamieren würden, sie würden die Mehrheit vertreten und einen Shitstorm verbreiten. Wobei sich nur zeigt, dass Fleischhauer nicht weiß, wovon er schreibt und die Sache nicht als das einordnen kann, was sie ist: Eine Petition ist zunächst einmal nichts weiter als ein Gesuch und wird von exakt so vielen unterstützt, wie sie unterzeichnet haben und diese Zahl gibt er selbst an: gut 230.000. Diese Petition beansprucht für sich ebensowenig wie andere Petitionen auch, die Mehrheit zu repräsentieren. Offenbar ist Fleischhauer auch noch nicht Opfer eines Shitstorms gewowrden, denn sonst wüsste er, dass er dann viele beleidigende Nachrichten in seinem Postfach finden würde. Das unterzeichnen einer zwar mit einer Person verknüpften, dennoch sachlich gehaltenen Petition, hat noch keinen beleidigenden Charakter, was man von den journalistischen Kommentaren zu dieser Petition nicht immer behaupten kann. Wenn das schon als Shitstorm durchgeht, dann sind weite Teile der politischen Berichterstattung in der Presse ebenfalls als Shitstorm zu werten, da personenbezogen.
        Das Feld jeglicher Verhältnismäßigkeit völlig verlassen hat Josef Joffe von der Zeit, wie Stefan Niggemeier deutlich macht. Er stellt die Petition gegen Lanz gleich in eine Reihe mit der Anti-Juden-Kampagne der Nazis. Wer es nicht schon vorher geahnt hatte, bekommt nun unverhohlen serviert, dass die selbsternannte Meinungs-Aristokratie sich keineswegs mit den Bürgern auf Augenhöhe betrachtet. Aber wie soll man solchen Leuten, die sich größer machen, als sie sind, noch abnehmen, dass sie noch im Interesse des von ihnen so verachteten gemeinen Pöbels recherchieren und Bericht erstatten?

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